Seehofers Genossen

Wovon reden sie eigentlich? Vom Islam? Von Deutschland? Und was meint „gehören zu“? „Der Islam“ ist kein Haus, kein Möbel, kein Hund, keine Ehefrau. Das Christentum auch nicht. Wir haben allerdings als Deutsche, als Europäer, eine Geschichte, Rituale, Feste christlichen oder auch heidnischen Ursprungs, die den Jahresablauf gliedern. Etwa das Hasenfest. Und wir haben den Weihnachtsmann. Und Pfingsten, das mit irgendeinem Ochsen was zu tun haben soll, aber keiner weiß, was eigentlich. Nichts ist leerer als die Hirne, die nach Ursprung und Bedeutung der Feste befragt werden, auf die Seehofer sich bezieht. Sind es überhaupt mehrheitlich die, die sich als „Christen“ verstehen und definieren, die am Heiligabend in die Kirche gehen und Lieder singen und ihre Steuern zahlen? Am Anfang des Christentums wurde diese scheinfromme Ritenbefolgung als entleerter Gesetzesgehorsam von Paulus zurückgewiesen und wie später bei Luther die wahre Frömmigkeit in ein Inneres verlegt, das sich dann als viel zu anspruchsvoll erwies. Daher die aus heidnischen Bezügen stammenden Weihnachtsmänner und Osterhasen.  Sie bevölkern Seehofers christliches Deutschland, in dem der Islam ohne Osterhasen und Ochsen und Esel keinen Platz haben soll, weil er solches Getier nicht vorweisen kann.

Dabei weiß Seehofer durchaus, daß sowohl Islam und AfD in ihrer Schein-Feindschaft seiner CSU viel näher stehen als all die nachaufklärerischen linken, atheistischen, feministischen, genderbesessenen, patriarchatskritischen Bewegungen, die sich gegen die große Welle des Zurück in die Zukunft stemmen. Seehofers Mannen sind in ihrem Kampf mit AfD und Islam mit ihren Gegnern vereint unter dem Banner des Patriarchats. Dem Vater, dem Mann, soll Recht und Macht zurückgegeben werden. Aber wie so oft gebärden sich die allervertrautesten Brüder – hier Islam und katholisches Christentum – als erbitterte Feinde, weil sie um die gleiche Klientel werben – um alle, die irgendwie zurück wollen. In die alte Ordnung des Oben und Unten, in die Hierarchie der Geschlechter, das unwidersprechbare Wort des männlichen Gottes bzw. Vaters. Die muslimische Gebetshaltung des Niederwerfens, der Unterwerfung ohne Widerrede, könnte auch die katholische sein, ist doch absoluter Gehorsam seit Abrahams Zeiten die höchste Tugend des Glaubenden. In dieser Haltung sind sich Islam und Katholizismus so nah, daß man versteht, warum „christliche“ Politiker, wann immer es um grundsätzliche Islamkritik geht, der Vetternreligion gern zur Seite springen.

Vereint sind sie im Kampf gegen die Ungläubigen. Seehofer wünscht sich wie seine Chefin als Bundesgenossen einen domestizierten, braven Islam mit einem gütigen, alle liebenden Käßmann-Gott-Allah als Schirm und Vater. Sie verwechseln den gegenwärtigen politischen Islam mit dem Katholizismus nach dem zweiten Vatikanum. Der Islam hat aber, wie bekannt, weder eine Aufklärung noch eine Reform hinter sich. Der heutige versteht sich als Identifikations-Muster für all die Erniedrigten und Beleidigten in jenen Weltgegenden, in denen ein christlich verbrämter Imperialismus die auch religionsbedingt zurückgebliebenen ehemals so stolzen muslimischen Reiche unterjocht hatte. Zuletzt geschah ihnen dies durch den jüdischen Wunderzwerg im Sechstagekrieg von 1967. Seitdem gieren sie nach Rache und Genugtuung. Die wird ihnen nicht werden, wenn sie ihre Kinder weiterhin einzig in Koranschulen schicken, um Weltwissen zu erwerben.

Es geht nicht darum, ob Muslime beten, sich muslimisch kleiden, ihren Propheten lieben dürfen – es geht darum, ob sie begreifen können, daß sich die westliche Welt, in der sie leben wollen, im Sinne eines klassen- und geschlechterübergreifenden Humanismus hin zu einer säkularen Wertegemeinschaft entwickelt. Die bräuchte keinen Gott für das tägliche Leben, der ihnen sagt, wo es langgeht. Da reicht Kant und seine Popularisierung. Könnten sie das akzeptieren? Zweifel sind wie bei glaubenstreuen Katholiken  angebracht.

 

 

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Eine Antwort zu Seehofers Genossen

  1. Der Zensor schreibt:

    Gelesen, genehmigt

    Gefällt mir

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