Zündler und Brandbeschleuniger

Wie viele andere geschichtsbewußte Menschen dachte der Politikwissenschaftler Herfried Münkler in diesem Jahr vierhundert Jahre zurück und schrieb darüber ein dickes Buch: nämlich über den Dreißigjährigen Krieg, der vor 400 Jahren ausbrach, als „europäische Katastrophe und deutsches Trauma„. Dieser Krieg, der Deutschland verwüstete wie vorher keiner, könnte Münkler zufolge helfen, den gegenwärtigen Krieg im Nahen Osten, der nicht nur Syrien und den Irak verwüstet, zu verstehen und durch dieses Verstehen gleichzeitig ein Bewußtsein für die spezifische Problematik eines möglichen Friedens zu erzeugen. War 1618 der Prager Fenstersturz der Funke, der die Explosion verursachte, so habe, meint Mückler, 2010 der „Arabische Frühling“, in den die Welt so viel Hoffnung setzte, den Brand entfacht, der heute grob überblickt zwischen Libyen und Irak wütet, aber auch noch in Afghanistan, und viele Mächte wie Iran, Türkei, Rußland, Israel mehr oder weniger direkt einbezieht. Er schickte uns die Flüchtlinge und veränderte die europäische Politik wie die deutsche Innenpolitik. Der Aufstieg der AfD und der Niedergang der Volksparteien wäre ohne ihn nicht möglich gewesen.

Sowohl vor 400 Jahren wie heute spielten Religionen wie Konfessionen die Rollen von Zündlern und Brandbeschleunigern, meint Münkler. Er unterstellt in den Religion bzw. jeweiligen Konfessionen, also allgemein im Bereich des Religiösen, „eine besonders hohe Intensität von Werturteilen“ und in der Folge eine „Intensivierung von Feindschaft“. Diese sei auch wegen der vielen Glaubens-„Überlappungen“ z.B. innerhalb des Islam schwer zu beenden. Religionen wie Konfessionen damals wie heute könnten die Massen organisieren und ihnen mit der ihnen eigenen Autorität sagen, wer Freund und wer Feind ist. Zwischen 1618 und 1648 war der Protestant des Protestanten Freund, der Katholik der Feind. Weiterer Merkmale bedurfte es nicht. Heute gibt es Gläubige und Ungläubige bzw. Rechtgläubige und Falschgläubige (Sunniten und Schiiten). Religionen haben hier die Funktion, „kampffähige Großgruppen“ zu bilden, sagt Münkler. Und mit Blick auf die Brandbeschleuniger-Metapher erscheint dem Politologen der sunnitisch-schiitische Konflikt als „reiner Spiritus“.

Schließlich empfiehlt Münkler zur Eindämmung des religiösen Kriegsfaktors eine Entpolitisierung bzw. Privatisierung des Religiösen. Ein wohlfeiler Ratschlag für eine Region und Religion, die sich gerade dadurch vom ungläubigen Westen unterscheiden will, daß sie das Religiöse zum eigentlichen Kern des Politischen erklärt und die Theokratie zur höchsten und weltweit anzustrebenden Staatsform. Wer die Muslime und ihre Religion ernstnehmen und achten und in einen globalen Friedensdialog einbeziehen will, darf das nicht vergessen. Es geht ihnen um die Herrschaft Allahs über die Welt. Die Feinde Allahs sind ihre Feinde, also die nichtmuslimische Rest-Welt. Hätten sie die materielle bzw. militärische Macht, die Herrschaft Gottes global zu installieren, würden sie das sofort in Angriff nehmen, nicht weil sie kriegslüstern und grausam wären wie Attila, Napoleon oder Hitler,, sondern weil sie erfüllt sind vom Glauben. Im Dienst ihres Gottes und zum Heil der zum Islam Bekehrten würden sie nichts anderes tun als die christlichen Konquistadoren im Zeitalter nach Kolumbus taten. Auch bei der Eroberung Amerikas, der Unterdrückung der afrikanischen und asiatischen Völker war Religion der Brandstifter unter der Formel des ominösen Missionsbefehls, den ein angeblich auferstandener Messias seinen Gefolgsleuten mit auf den Weg gegeben haben soll. Auf diesem Weg vergaßen sie dann fast alle Tugenden wie Menschlichkeit, Mitleid, Toleranz, Nächstenliebe um des Ziels der Bekehrung der Völker willen. Fast alles hat Mohammed von Juden und Christen gelernt, und wie es scheint sind seine Gefolgsleute, die Umma, die islamische Weltgemeinde, auch hier, wenigstens im Wunschtraum dem christlichen Vorbild treu geblieben. Es geht darum, die Menschheit unter dem einen Gott, der sie schließlich geschaffen hat, zu vereinen. Nicht um Entpolitisierung oder Privatisierung, was eben Gottlosigkeit wäre.

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