Amerikanischer Alptraum

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Was für ein Bild! Drei Personen. Zwei junge wie für eine Graduiertenfeier vornehm angezogene Frauen mit vor Trauer und Hoffnungslosigkeit versteinerten Gesichtern und zwischen ihnen ein Mann mit dem Ausdruck eines Kretins, ein blödes Grinsen verzweifelt unterdrückender Idiot mit auseinandergestellten Knien, den wir seit gut einem Jahr als den Präsidenten der USA kennen. Dieser Mann hat gerade nach dem Massaker in Parkland (Florida) die Losung ausgegeben, die Lehrer an Schulen zu bewaffnen, damit der Krieg dort auch mal von den Guten gewonnen werden könne.

Die Schülerinnen, die den Präsidenten flankieren, gehören zu jener anwachsenden Gruppe junger Leute, die ihr Leben zunehmend bedroht sehen und fordern, mit dem Wahnsinn endlich aufzuhören, der Amerika aus dem Kreis westlicher Zivilisationen unübersehbar herausdrängt. Man wird von außen oder als machtlose Gruppe Betroffener diesem Trend aber in absehbarer Zeit kaum etwas entgegensetzen können. Amerika ist in einem Käfig von Mythen gefangen, die von der Mayflower über den Unabhängigkeitskrieg bis zur Eroberung des Westens und den Bürgerkrieg reichen und die Nation offenbar daran hindern, die Augen endlich für eine moderne Welt, die „modern“ nicht nur im technologischen Sinne wäre, zu öffnen. Und wer glaubt, in diesem Wahnsystem die Rolle der Religionen vernachlässigen zu dürfen, wird es so wenig verstehen, wie er das System Putin mit seiner Nähe zur Orthodoxen Kirche verstehen könnte.

Wahrhaft apokalyptisch wird die Rolle, die das Irrationale, ja Kriminell- Verantwortungslose in der gegenwärtigen Weltlage spielt, wenn wir die Nuklearwaffen-Arsenale der großen und auch der weniger großen Mächte betrachten. Trump und Kim zeigen diese Arsenale vor wie Pubertierende staunenden Knaben ihre ersten Erektionen demonstrieren. Auch hier gilt die Formel: It’s a man’s world. Immer noch. Nicht nur in Gottes eigenem Land USA wird die Obszönität der Tötungsmaschinen als nicht zu hintergehende  Normalität des dritten christlichen Jahrtausends hingenommen, von den Aufrufen zu Heiligen Kriegen außerhalb dieser Welt ganz zu schweigen. Dschihadisten bekennen sich wenigstens zur Gewalt und berufen sich auf ihre heilige Schrift. Dem Alten Testament sich hingebende Christen tun dies mit ähnlichem „Recht“. Christen, die ihrem Stifter zu folgen vorgeben, denken aber nicht daran, die andere Backe hinzuhalten und gar die Feinde zu lieben, wozu sie sich verpflichtet fühlen müßten, weil Jesus es in seiner wahrhaft revolutionären Bewußtseinswende befohlen hat. Das führt das von Religion und Waffen gleichsam durchdrungene Amerika vor und offenbart als tägliches Schlachtfeld die Unfähigkeit der Religion, diese Welt zu einer friedlichen zu machen. Das Schnellfeuergewehr wie einen heiligen Fetisch neben dem Bett zu bewahren und gleichsam als Versicherung des Heils anzubeten, offenbart den Grad der Perversion des ehemals so anspruchsvoll in die Welt getretenen Glaubens.

Die evangelikalen Christen, die Trump wählten, empfinden aber nicht den grotesken Widerspruch in ihrem Bewußtsein. Die Hälfte der Amerikaner empfindet ihn nicht. Alles existiert dort unverbunden nebeneinander: Rassenhaß, Tötungsgier, Selbstjustiz  Aberglaube, konventionelle wie ekstatische Frömmigkeit. Wie sie einst ganz unchristlich die Ureinwohner ausrotteten, die sie nicht als nach Gottes Bild geschaffene Menschen ansehen wollten, wie sie die importierten Afrikaner zu menschenrechtslosen Arbeitstieren erniedrigten, so kehrte sich in der Folge der Glaube der Pilgerväter in eine Religion der elementaren Angst vor dem Nachbarn: Jeder ist seines Nächsten Feind.  Die Polizei beherrscht das Credo: Wenn ich zu langsam schieße, bin ich tot. Polizisten glauben sich im Krieg, und sie sind es. Wo jeder eine Waffe tragen kann, ist jeder ein Soldat. Wahrscheinlich ein feindlicher.

Auch das erscheint wie ein Naturgesetz, zumal in der Verfassung festgeschriebenes. Das Recht auf die Waffe entspricht der Welt voller Feinde. Vom zivilisierenden Einfluß des allgegenwärtigen Glaubens kaum eine Spur. Nicht der Staat wie der faschistische, der stalinistische oder der islamistische trachtet seine Bürgern nach Freiheit und Leben; das übernimmt in den USA jeder Einzelne, weil dem Staat nicht zu trauen ist. Das Recht auf die Waffe impliziert das Recht auf Selbstjustiz.  Der Lehrer soll den Attentäter töten, wie es im Wilden Westen jeder tun durfte, weil der Staat fern war. Auch der Besitzer einer Garage soll den töten dürfen, den er dort als Eindringling wahrnimmt. Der zivilisatorische, von Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert initiierte Gedanke eines Machtmonopols des Staates, Voraussetzung jeder Zivilisation in der Moderne, ist de facto aufgegeben, wenn er auch formal weiterbesteht. Amerika hat das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen, die man als „brave new“ wird akzeptieren müssen.

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