„Was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“

So lautet bekanntlich Murphys Gesetz. Viele, etwa die Bewohner der Stadt Köln, halten es für einen schlechten Witz, denn „“et es noch immer jotjejange“. Denkste! In den Hochburgen der Intelligenz, etwa in der Redaktion der ZEIT, erwacht man unterdessen aus einem siebzigjährigen Schlafwandlerschlaf und reibt sich die Augen. Gibt es etwa eine ganz neue Situation? Und das nach 1989! Es war doch gerade noch Friede. Was die Redakteure in einem Dossier als „Eskalation“ der militärischen Gefahr für den Globus beschreiben, kulminiert in der Frage: „Werden wir einen Atomkrieg erleben?“

Sie schreiben wahrhaftig „erleben„! Nein, Leute. Den „erleben“ wir nicht. Wir krepieren auf äußerst unangenehme Weise, ehe wir das „Erlebnis“ gehabt haben werden. Eure Wortwahl („leben“) entspringt einem übermächtigen, wenn auch verständlichen Verdrängungsbedürfnis, Verleugnungsdrang, einem gewaltigen Wishful thinking. Ihr beschreibt das Inferno, ohne es in seiner Abschlußhaftigkeit zu verstehen. Man muß schon an einen letztlich retttend eingreifenden Gott glauben, um vom „Erleben“ zu träumen. Und wer wie auch immer über-leben sollte, wird seinen Gott dafür verfluchen daß er in der Hölle überleben durfte für allerdings gnädig knapp bemessene Zeit.

Die Mechanismen, die eine solche quasi beschwichtigende Wortwahl à la „Erlebnis“ produzieren, sind die altbekannten, die den Tod tabuisieren und nur die „Anderen“ für Sterbliche halten. Junge motorradfahrende Männer haben diese Art Unsterblichkeit verinnerlicht. Vor gut hundert Jahren fuhren sie fahnenschwenkend an die flandrische Front und wurden hinterher „unsterblich“. Immerhin – ich durfte leben, dachten die kaisertreuen Daheimgebliebenen, und die in Flandern waren tote Helden. Tut uns aufrichtig leid. Aber beim nächsten Mal wird kein Überlebender mehr, gar als Held, heimlich triumphieren über die Toten. Es gibt die Bilder der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Lieber nicht zu ihnen gehören – im Falle eines Falles!

Die Wahrheiten des ZEIT-Beitrags, die es auch, wenngleich seltsam folgenlos, gibt, lauten etwa: „Die Raketenkrise ist da. Nur wird sie in der Öffentlichkeit noch nicht wahrgenommen.“ Es wäre zu analysieren, warum nicht. Weil das Undenkbare gedacht werden müßte, was keiner denken kann? Und warum verharmlosend „Raketenkrise“? Als hätten die Raketen Probleme mit ihren Triebwerken. Die Groko-Verhandlungen waren geprägt von ewigwährender wohlstandserweiternder Routine. Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, sagt, in Berlin stelle sich keiner dem Problem. „Die ziehen alle den Kopf ein.“ Tief in den märkischen Sand stecken sie ihn, auf den Berlin gebaut ist. Was bleibt ihnen auch übrig? Sollen sie ihrem Volk den Frohsinn austreiben, der ihm die boomende Wirtschaft gerade beschert und mit dem sie „gut und gerne leben“? Und soll die Kanzlerin wie damals mit Steinbrück vors Volk treten und den Eindruck vermitteln, es sei alles halb so schlimm? Undenkbar wäre es nämlich, wenn es wirklich so schlimm wäre. Und wenn doch – ich, die Kanzlerin, kann nichts dafür. Was immer ich schaffen konnte, habe ich geschafft. Mehr geht nicht. Der Rest ist Schicksal.

Es gab eine Zeit, da war es in der linken Schickeria Mode zu sagen, in diese Welt des Kapitalismus und der Umweltzerstörung Kinder zu setzen, sei ein Verbrechen. Wer sich daran hielt, mag jetzt sich zu den traurigen Rechtbehaltern zählen, aber das wird ihm keinen Triumph bescheren. Denn die Kinder, die dennoch gezeugt wurden, leben. Sie wurden nicht gefragt. Das gab es nämlich nie in der Geschichte. Aber jetzt ist deren Ende vielleicht näher und ganz anders nahe, als Herr Fukuyama es geahnt hat. Der hitzige Müllhaufen, in den wir den blauen Planeten verwandeln, wird vielleicht vom nuklearen Feuer schneller verzehrt, als sein Verwesungsprozeß natürlicherweise gedauert hätte. Auch darin liegt ein letzter Trost.

 

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