Schlafwandeln wir wieder?

„Sobald beide Supermächte über Atombomben verfügten, 1949, beschwor das Schreckgespenst eines Atomkriegs ein Ausmaß an Zerstörung herauf, das die Verheerungen beider Weltkriege weit in den Schatten gestellt hätte. Daran mußte das Denken sich ausrichten, das trug zur Schaffung dessen bei, was 1945 noch höchst unwahrscheinlich schien: eine Ära des Friedens in Europa.“

So der Historiker Ian Kershaw in seinem Buch „Höllensturz“, das Entstehung und Verlauf des Ersten Weltkriegs, der im Zweiten seine „logische“ Fortsetzung fand, zu Thema hat. Diese „Ära des Friedens in Europa“ kann man auch einen nuklearen Frieden nennen. Den verdanken wir Überlebenden nicht irgendeinem Pazifismus christlicher Provenienz, sondern der Bombe, der Waffe aller Waffen, die keine mehr ist, sondern das Ende aller Waffen. In den Jahrzehnten nach Kriegsende war der Gedanke allein an einen neuen Krieg zwischen den Supermächten ein absolutes Tabu. Die Mächte maßen ihre Kräfte stattdessen in Stellvertreterkriegen in Korea, im Nahen Osten, in Vietnam und anderswo in der sog. „dritten Welt“ oder auch auf dem Balkan. Spätestens nach der Kubakrise, als das Undenkbare fast eingetreten wäre, wurden die Kommunikationskanäle so ausgebaut, daß eine globale Katastrophe ausgeschlossen schien. Dann kollabierte die Sowjetunion, und nur noch eine Supermacht schien die Pax americana die garantieren. Das Ende der Geschichte war gekommen. Alles wurde gut.

Dann passierten: die Ukraine, die Krim, Trump – und die Welt war wieder die von 1962, dem Jahr der Kubakrise. So sieht es wenigstens Wolfgang Ischinger, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, die gegenwärtig tagt. Ischinger zufolge hat sich das Verhältnis zwischen Rußland und den USA dramatisch verschlechtert. Seit dem Ende der Sowjetunion sei die Gefahr einer militärischen Konfrontation von Großmächten noch nie so groß gewesen. Ein abgrundtiefes Mißtrauen, das nicht abgründiger sein könnte, beherrsche die Beziehungen zwischen den Machtzentren. Am meisten verstört aber die Tatsache, daß jene Kanäle, die man einst schuf, um gegebenenfalls Mißverständnisse zu vermeiden, eingefroren sind. Die Gefahr eben dieser Mißverständnisse, von Fehlkalkulationen, von ungewollten eskalatorischen Manövern seien heute größer als je seit dem Fall der Mauer, sagt Ischinger.

Man sieht Trump, hört ihm zu, erinnert sich seiner Vernichtungsrhetorik gegenüber Nordkorea – und es gefriert einem das Blut in den Adern. Alle klammern sich an den Gedanken, die höchsten Militärs würden im Fall eines Falles einfach den Befehl verweigern. Daß man aber das Undenkbare denken muß, um es  vielleicht doch zu verhindern, lehrt die Geschichte der Weltkriege, von der der Präsident der USA wenig oder keine Ahnung hat. So oder so muß der Oberste Befehlshaber der US-Streitkräfte von seinem Posten entfernt werden, lautet also der kategorische Imperativ der Selbsterhaltung.

In dieser Weltlage nun verhalten sich die Angehörigen der deutschen politischen Kaste wie jene Schlafwandler des Historikers Christopher Clark (der in dieser Weise die Zeitgenossen des Weltkriegsbeginns charakterisiert), als gäbe es nichts Wichtigeres als um Posten zu feilschen, an die Digitalisierung des Landes die größten Hoffnungen zu hängen, die Zusammenführung von Flüchtlingsfamilien zu einer Frage von Sein oder Nichtsein zu stilisieren und ähnlichen Kleinkram ganz nach vorn in der Agenda zu schieben – während die Welt nicht nur von der (militärischen wie zivilen) nuklearen Katastrophe bedroht ist, sondern, was sich zeitlich etwas dehnen würde, ebenso von der ökologischen. Davon hörte man kaum etwas in den Debatten um das Groko-Projekt. Um die Ökologie sollten sich die Grünen kümmern, um den Weltfrieden die Fundamentalpazifisten ganz links. In der Mitte geht es ums Hier und Heute und ums Geld. Daß es aber nicht mehr um Politik, sondern um die Existenz des Planeten geht, also um das Projekt nackte globale Selbsterhaltung, hat von den Damen und Herrn der Volksparteien noch niemand begriffen, oder wenn sie es begriffen haben, wird das Problem vogelstraußartig vertagt – siehe Erderwärmung. Wir schaffen es  nicht, also lassen wir es. Der Geist, der mit den globalen Bedrohungsszenarien sich ausbreitet, ist der Geist der Resignation, der Indolenz. Dem sind wir einfach nicht gewachsen, also lassen wir es auf uns zukommen. Irgendein Gott wird schon das Wunder der Rettung vollbringen. Wenigstens schickte er uns schon den Donald als den Messias erst einmal für den Rostgürtel.

Trump ist weniger Ärgernis, weniger Peinlichkeit oder Unfall der amerikanischen Demokratie – er ist viel mehr, so sehr er auch ein Würstchen sein mag. Seine Position macht ihn nachgerade zu einem apokalyptischen Reiter, wie der Gefreite aus dem Weltkrieg und gescheitere Kunstmaler einer werden konnte. Die Wege des Geschichtslenkers sind undurchschaubar. Im Zweifel gibt er einem größenwahnsinnigen Narziss die Macht über das Weiterbestehen der Welt. Das haben wir nun, kurz vor dem Ende unserer Tage, von unserem Glauben an Gott und/oder die Vernunft. Von beiden scheinen wir alle und nicht nur die Groko verlassen. Da hilft nur noch Beten wie nach den Schulmassakern in Trumps Amerika.

 

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Eine Antwort zu Schlafwandeln wir wieder?

  1. Putinversteher schreibt:

    Pax americana, sorry das ist ja wohl ein zynischer Witz. Kein Staat hatte ubd hat mehr Kriegsbeteiligungen seit 1945 als die USA.
    Trotz McDonald und Coca-Cola wäre die Welt OHNE diese Art bon pax ein besserer Ort. Also bitte in Zukunft in „…..“

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