Hylas, MeToo und der Weinstein-Wedel-Komplex

Wovor müssen wir uns fürchten? Wovor sollten vor allem die Frauen sich fürchten? Vor dem Blick in den Spiegel?

Wenn frau in den Spiegel blickt, wen erschaut sie da? Das angstverzerrte Opfer, an die Wand gedrückt, mit dem Kopf gegen die Bettkante geschlagen oder von Vögeln fast zerfleischt. Oder rücklings im Wasser liegend, langsam versinkend, leise Lieder singend – Ophelia. Zugleich die Femme fatale, in eben diesem Wasser als ihrem Element schwimmend und den Jüngling, der eigentlich nur Durst hat, hinunterziehend und ertränkend.

Die sich im Spiegel Betrachtende hat aus der Vergangenheit und auch aus der Gegenwart viele Bilder von sich im Kopf. Sie erkennt sich als die Schauspielerinnen Jany Tempel (Opfer Wedels) oder Tippi Hedren (Opfer Hitchcocks) aber auch als nackte Nymphe in dem Bild „Hylas und die Nymphen“ von John William Waterhouse oder als Astarte Syriaca in einem Bild von Dante Gabriel Rossetti. Beide Maler gehörten zu den englischen „Präraffaeliten“ aus der zweiten, der viktorianischen Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der fast überall in Europa das Frauenbild von dem heutigen stark abwich – oder auch nicht.

Das Waterhouse-Bild ist jetzt in der Manchester Art Gallery abgehängt worden. Die Kuratorin Clare Gannaway begründete diesen Schritt damit, die viktorianische Kunst präsentiere „den weiblichen Körper entweder passiv-dekorativ oder als femme fatale“. Dies entspreche der viktorianischen Phantasie und müsse in Frage gestellt werden. Dahinter steht offensichtlich die Forderung: Macht die Vergangenheit, die uns schmerzlich berührt oder uns nicht paßt, unsichtbar. Streicht sie durch. Wir wollen sie nicht, die männlichen Träume von der Frau, wie sie Jahrtausende lang geträumt wurden. Sie sind uns auch deshalb peinlich, weil wir sie die Zeiten hindurch immer stimuliert und befruchtet haben. Schlagen wir ein neuen Kapitel jenseits des weiblichen Opfers und der ewigen Verführerin auf!

Wenn ein Aspekt der zeitgenössischen Deformation des menschlichen Geistes besonders hervorsticht, dann ist es die Geschichtsvergessenheit, übergehend in Geschichtslosigkeit, eine besonders wirkungsmächtige Form kollektiver Verblödung. Die Menschen beginnen sich insofern den Tieren anzugleichen, als sie nur noch in ihrer Gegenwart leben, dort ihren Spaß haben wollen. Sie wollen nicht wissen, wo sie herkommen und erträumen sich ihre Zukunft genährt von Fantasy-Filmen und -Büchern. Science Fiction ist die beliebteste Lektüre-Gattung geworden. Flucht aus allen historischen Zusammenhängen in eine Zukunft, die mit der Real-Geschichte nichts mehr zu tun hat.

Der seltsame Feminismus, der sich in der Maßnahme der Clare Gannaway ausdrückt, will der Geschichte der Frau nicht ins Auge sehen, sondern sie radikal verdrängen. Daraus entsteht aufs Neue jene Bewußtlosigkeit, die Jahrtausende lang das Geschlechterverhältnis als von einem Gott Gewollten hingenommen hat. Das Immer-so der männlichen Herrschaft entsprach einer endlosen Gegenwart, für die es keine alternative Zukunft gab oder gar geben mußte. Davon scheint das kollektive weibliche Unbewußte nicht loszukommen, was gerade solche Maßnahmen wie die in Manchester beweisen. Wir halten uns die Augen zu und glauben, das nicht mehr Gesehene, die Unterdrückung und das Objektsein, sei dadurch eliminiert.

Die Kunst des Patriarchats seit der Antike ist patriarchalisch. Also auch das Bild der Frau in dieser Kunst. Wie sollte es auch anders sein? Diese Kunst ist gleichwohl in ihren besten Exemplaren großartig. Waterhouse, Rossetti und ihre Kollegen wie John Everett Millais mit seiner im Fluß treibenden Ophelia repräsentieren als Präraffaeliten zwar nicht gerade Gipfel europäischer Malerei, aber sie schufen eindrucksvolle Exemplare eines Zeitgeistes mit hohem ästhetischen Anspruch, die uns Heutigen ebensoviel über jene Zeit sagen wie deren Literatur. In der Abwehr des Nackten kommt aber durch die Hintertür jener Viktorianismus wieder herein, den Clare Gannaway in Frage stellen will. In einer ganz verqueren Weise zeigt diese Abwehr und die Ideologie, der sie entspricht, ohne es zu wissen, daß das weibliche Körperbewußtsein immer noch den Objektcharakter widerspiegelt, den auch die Kritikerinnen des Gomringer-Gedichts in Berlin verinnerlich haben. Indem wir das, was wir schmerzhaft fühlen, leugnen, bringen wir es vielleicht zum Verschwinden. So scheinen sie zu hoffen.

So hat die MeToo-Bewegung, auf die sich die Kuratorin in Manchester ausdrücklich beruft, wieder einmal bewiesen, daß jeder gute Gedanke, von einem ängstlichen Schwach-Sinn adaptiert, in sein Gegenteil verwandelt werden kann. Überpinseln von Gedichten und Abhängen von Bildern sind Zeugnisse eines erbärmlichen Schwächegefühls, das Teile des heutigen Feminismus offenbar noch immer beherrscht.

 

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Eine Antwort zu Hylas, MeToo und der Weinstein-Wedel-Komplex

  1. Anonymous schreibt:

    „Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer; aber es muß sein: ohne sie“

    So schrieb Botho Strauß vor fast 40 Jahren (Paare, Passanten. S.115), setzte dies zwar in Klammern…
    aber der Hieb saß! … falls sich der Verfasser der Dreyzack-Glosse noch an seine damalige Reaktion erinnert…
    Es gibt sie offensichtlich: Strauß‘ Töchter und Enkelinnen im Geiste, die diese Lektion bereitwillig gelernt haben…
    Man kann dieser Form der Dummheit nur die dialektische Lebensweisheit Wolf Biermanns entgegenhalten:
    „ach das ist dumm: Wer sich nicht in Gefahr begibt – der kommt drin um“…

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