Die Sehnsucht nach Verschleierung

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Ort der Handlung ist Barcelona. Der heute über 90jährige, damals,  vor vielen Jahrzehnten, junge Dichter Eugen Gomringer flanierte durch die Avenidas der Stadt. Seine Eindrücke verdichtete er in einem Stück „konkreter Lyrik“, wie es die Literaturwissenschaftler nennen. Auf Spanisch: „Avenidas“.

Gomringer, so scheint es, warf unschuldige Blicke um sich, erfreute sich seines Besuches in der südlichen Stadt, sah all die schönen Dinge, die einem dort begegnen können und hatte keine irgendwie geartete Gewalt im Sinn noch sonst etwas Böses. Wie man sich täuschen kann! In Wirklichkeit war Gomringer ein widerlicher, geiler Voyeur, der nur das Eine im Sinn hatte. Er glotzte auf die Frauen, die ihm in ihren wehenden Sommerkleidern und fliegenden Haaren begegneten wie auf Stücke saftigen Fleisches, das er demnächst verzehren würde. Er war ein früher Vorfahr der Weinsteins und Wedels, die bis vor kurzem halberigiert durch Los Angeles und Berlin strolchten, nach Opfern ausspähend, die sie mit Versprechungen auf Ruhm und Glamour in ihre Ekelbetten lockten. Von wegen „Bewunderer“!

Woher wissen wir das über Gomringer? Die Studierenden der Alice Salomon Schule schrieben vor geraumer Zeit einen hellsichtigen offenen Brief an den Akademischen Senat der  Hochschule, deren Fassade in riesigen Lettern die lyrische Pornografie des Eugen G. geschmückt hatte. Und niemand hatte lange Zeit bemerkt, um was es sich da wirklich handelte. Vielleicht weil es sich des Spanischen schlau bediente. Der Brief der Klägerinnen bewegte den Senat schließlich, das Anstößige zu überpinseln. Was aber stand in dem Brief?

Wir lesen nicht ohne Anteilnahme: „Es (das Gedicht) erinnert unangenehm daran, daß wir uns als Frauen nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches Frau-Sein bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.“ Außerdem werde man an „patriarchale Strukturen“ (männliches Subjekt glotzt auf weibliches Objekt) erinnert und habe beim Lesen des Gedichts „irgendwie ein komisches Bauchgefühl“. Angesichts der im Gedicht zutage tretenden heteronormativen Tyrannei, von den Studierenden zweifelsfrei nachgewiesen, blieb dem Senat keine Wahl, als das Machwerk zu ächten und zu überpinseln.

Aber was nun? Wie können ähnliche Angriffe aus den Reihen der patriarchalischen Horden, die sich nicht selten als Intellektuelle oder gar Künstler tarnen, abgewehrt werden? Wir empfehlen den Koran. Dort wird den Gläubigen, auch den Männern, nahegelegt: „Sprich zu den Gläubigen, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Scham hüten. Das ist reiner für sie. Sieh, Allah kenn ihr Tun“ (Sure 24,30). Denn er blickt auch durch den Stoff ihrer Beinkleider. Würden die Studentinnen ihre Haare, ob blond ob braun ob schwarz, züchtig bedecken, bliebe ihnen viel erspart. Mehr noch, wenn sie ihr „körperliches Frau-Sein“ nicht in ihren Kleidern und Jeans nachgerade zu Schau stellten, sondern sich in körperformverbergende Mäntel, Abayas, hüllten, wären sie nicht nur Gott eine Augenweide, sondern auch in den Augen der Männer keine Huren mehr. Am allerwirksamsten wäre natürlich das Unsichtbarwerden, unter einem Schleier, einer Burka oder im Haus, liebevoll bewacht von Vater, Ehemann, Bruder, Sohn. Dann wäre auch die Angst besiegt, von der die Mädchen schreiben, daß sie ihnen das Gedicht mache.

Auch der Staat, die Gesellschaft könnten einiges zur Angstvertreibung tun, etwa dafür sorgen, daß auf den Straßen und Plätzen die Geschlechter nicht ständig aufeinanderprallten und es so zu chaotischen und unzüchtigen Trieberuptionen kommt, von denen der offene Brief („konkretes Erleben“) spricht. So könnte man in einer Allee die eine Seite für die Männer, die andere für die Frauen reservieren und gleichzeitig das allzu aufdringliche Glotzen der Männer durch eigens abgestellte Sittenexperten unterbinden. Auch das würde den zusätzlichen wünschenswerten Affekt einer leichteren Integration unserer muslimischen Mitbürger haben, nachdem, wie der offene Brief der Studentinnen nahelegt, das Bedürfnis nach einer geistig-sittlichen Wende im Geiste des Islam, der sowieso schon zu uns gehört, stetig wächst und wächst.

Wer allerdings in der Sehnsucht nach Verschleierung nur ein weiteres Indiz für weibliche Selbstverachtung, ja Selbsthaß entdeckt, dem ist nicht zu helfen.  Der Widerstand gegen das Bewundertwerden weist schlicht und eindrucksvoll auf eine göttliche Geschlechterordnung hin, in der deutlich wird, daß allzuviel Bewunderung äußerlicher Schönheit die innere nur unterdrückt.

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2 Antworten zu Die Sehnsucht nach Verschleierung

  1. Bücherverbrennung! Now! schreibt:

    Ja, genau! Und nicht vergessen die Bücher, Bilder und Schriften, Lyrik komplett zu tilgen, auch aus dem Netz.
    Igitt. Ekelhaft. Sexistisch. Ach ja, auch die Samenbanken, denn das Ejakulat stammt ja von Männern, die (sehr wahrscheinlich) an Unzucht gedacht hatten…..widerlich! Der Mensch (=Mann) ist ein Schwein, der beste Freund des Menschen (=Frau) muss sich wehren. Also: am besten alle männlichen Föten direkt abtreiben oder unmittelbar nach der Geburt in den Schredder. Die Menschheit ist ohnehin zu doof (siehe USA), dann rettet das Matriarchat die Welt halt vor den Menschen. Ist vielleicht besser so.

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