Das Wedel-Syndrom

In Mozarts Oper Don Giovanni gibt einen Titelhelden, der nicht nur unstillbaren Appetit auf Frauenfleisch hat und der auch mal, wenn eine nicht willig ist, zur Gewalt greift, der aber auch die Männer in seiner Umwelt zu von seiner Macht gelähmten hilflosen Statisten, ja Eunuchen macht. Sie können seinem unholdigen Treiben kein Ende bereiten. Erst die Höhere Macht, die der Wüstling verhöhnt, kann das. Er fährt zur Hölle. Ob uns, die Zuschauer, das mit Genugtuung erfüllt, ist nicht ausgemacht. Zu sehr haben wir uns schon mit dem Unwiderstehlich-Unersättlichen identifiziert.

Die ZEIT ist derzeit einem Phänomen auf der Spur, das die meisten Leser wohl sprachlos machen dürfte. Sie nennt den Regisseur Dieter Wedel nach einem seiner Werke den „Schattenmann“ und breitet in akribischer Ausführlichkeit jene Berichte von Frauen-Opfern aus, die nach vielen Jahren, ermutigt durch die MeToo-Debatte, die Kraft und den Mut fanden, die Untaten des mittlerweile zum Greisen gemilderten Fundamental-Erotomanen der Öffentlichkeit kundzutun.

Eins ist diesen Berichten gemeinsam. Sie handeln alle von Demütigung, Erniedrigung, sexueller Gewalt bis zur Körperverletzung – und vom Gewährenlassen, vom ängstlichen Schweigen und Tuscheln über die Taten, die allgemein bekannt waren und die Verbrechen zu nennen in vielen Fällen keine Übertreibung wäre. Die Opfer schienen so erstarrt wie die Beobachter, weibliche wie männliche.

„Ich habe das über mich ergehen lassen“, sagt eine von ihnen. „Es war mir unangenehm, ich schämte mich und habe mit niemand darüber gesprochen.“ Wedel habe sie, wenn sie nicht willig war, in die Mitte des Teams gestellt und gedemütigt. Und dann die Gewalt im Hotelzimmer: „Er setzte sich rittlings auf mich, packte meinen Kopf bei den Haaren und schlug ihn immer wieder aufs Bett, einmal auch an die Wand und einmal auf die Bettkante.“ Er spuckte ihr ins Gesicht und nannte sie „Drecksau!“ Die Folge dieses aus dem Ruder gelaufenen leidenschaftlichen Aktes war eine Verletzung der Halswirbelsäule und Arbeitsunfähigkeit. Keine Anklage. Keine Forderung nach Wiedergutmachung. Die Kollegen ahnten, was passiert war. Keiner sagte was. Nach drei Wochen ließ sich die Geschundene überreden, an den Drehort, wo Wedel der unumschränkte Herr und Meister war, zurückzukehren.  Die anderen Berichte lesen sich wie Variationen des Geschilderten: Herrische Aufforderung zum Sex, Demütigung bei Verweigerung, schließlich Gewalt, keine Genugtuung.

Psychologen könnten zu der Erklärung der zugrundeliegende Motivation der Opfer versucht sein, die hemmungslose Bereitschaft der jungen Schauspielerinnen anzuführen, Ruhm und Erfolg – beides versprach der berühmte Meister – mit Opfern zu erkaufen, die zu erbringen sie in keiner anderen Lebenssituation bereit gewesen wären – um sich nach Jahrzehnten dazu zu bekennen. Der sich, angefeuert durch seinen Trieb, in die Gestalt des Mr. Hyde verwandelnde berühmte Künstler mit dem Doktorgrad (Dr. Jekyll) („als die Tür aufging, blickte ich in ein Gesicht, das ich nicht mehr kannte“)  fühlte sich offenbar unantastbar. Und in gewisser Weise war er das. Nur seine Opfer hätten das Hyde-Gesicht bloßlegen können. Sie taten es nicht.

Der Psychoanalytiker Jacques Lacan hat, ausgehend von einer These Sigmund Freuds, wonach auch bei der Frau und nicht nur beim Mann der Phallus im Zentrum der Subjektwerdung steht, eine umfassende Theorie der Macht und der Herrschaft abgeleitet. Das kleine Mädchen neide nicht nur den Jungen das Genital, der Phallus stehe nachgerade im Zentrum der weiblichen dialektischen (widersprüchlichen) Entwicklung. Er werde zum „Signifikaten der Macht, zum Szepter“. Der Phallus ist nicht nur ein wenn auch wichtiges, lustverschaffendes Organ, sondern schlechthin Symbol männlicher Macht, ja – muß man ergänzen – göttlicher Macht. Daher auch die Hemmung der meisten Frauen, dieses Organ, auch wenn es sich völlig preisgibt (etwa erzwungene Fellatio), zu verletzen.  Weil es „heilig“ ist. Das wußte schon die Antike und errichtete steinerne Phalloi wie Heiligenstatuen. Sich dem Phallus auszuliefern bedeutet Unterwerfung, Qual und Lust zugleich, zumal wenn die Mann, der den Phallus hat, Charisma und Macht ganz offensichtlich zusätzlich besitzt.

Wedel mag so ein Mann gewesen sein. Sensibler Künstler und brutaler Lüstling in einem. Im Milieu der Schauspieler repräsentierte er phallische Macht schlechthin. Es ist der phallische Charakter dieser Macht, der die seltsam hilflos erscheinenden Wiederholungszwänge der Frauen, den Verlust der eigenen Würde, ja Subjekthaftigkeit in Kauf nehmend, vielleicht zu erklären vermag. Letztlich handelt es sich um die Macht im Patriarchat, deren oberster Repräsentant der Phallus als männlicher Gott oder Gott als Phallus  ist. Um dies zu verbergen bekleidet ihn Michelangelo in seinem berühmten Gemälde „Die Erschaffung Adams“ mit dem flatternden Gewand, das die männliche Blöße bedeckt. Wir wissen, was verborgen ist, aber ganz so deutlich sollen wir es gar nicht sehen.

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