Religiöse Geiselhaft

Religionen bieten den Gläubigen Hoffnung, Trost, Strukturen, Gemeinschaft, Sinngebung, Sicherheit über den Tod hinaus. Gläubige Menschen werden weniger krank, leben auch länger, sagen Statistiken. Wem, wie vielen im real existiert habenden Sozialismus, von Anfang an Taufe und Religion, die Großartigkeit der Rituale und Zeremonien, durch elterliches Versäumnis vorenthalten wurde, der sollte so schnell wie möglich eine fromme Gemeinschaft, welche auch immer, aufsuchen und zu ihr gehören. Sollte man meinen. Wo sonst könnten urmenschliche Bedürfnisse so umfassend befriedigt werden? Woher kämme sonst der Menschheits-umfassende Erfolg der Religionen?

Und doch gibt es immer wieder Individuen, ganze Gruppen von Menschen, Generationen in sog. „aufgeklärten“ säkularen Kulturen, die sich von ihrer Religion abwenden – weil sie den Widerspruch zwischen Glaube und Vernunft nicht ertragen wollen. Im Mittelalter aber gab es für den bedeutendsten der Theologen dieser Epoche, Thomas von Aquin, diesen Widerspruch nicht. Für Thomas ist der Mensch nur in dem Weltbezug, den ihm seine Sinne eröffnen (wir würden heute sagen: als wissenschaftlich Denkender) Vernunftwesen. Der Mensch ist Vernunft, Geist. Gleichzeitig ist Gott das Größte, dem der Mensch anhangen kann und soll. Diese Überzeugung hindert aber Thomas nicht, an so etwas wie Teufelsbuhlschaft zu glauben, an Hexen also, und von der Minderwertigkeit der Frau überzeugt zu sein. Er erfand das Paradox einer „wissenschaftlichen“ Dämonologie. So kam es zu einer theologischen Durchdringung des Hexenglaubens in den Werken der Scholastiker, namentlich des Thomas.

Heute erscheint es sinnlos, innerhalb des Christentums, Aberglaube (Volksglaube) und Glaube voneinander zu trennen. Sie sind in der katholischen Dogmatik heillos ineinander verknäuelt. Man denke an den immer noch praktizierten Exorzismus. Thomas sei Dank! Wer von hier aus einen Blick etwa auf den Islam wirft, erkennt nichts wirklich Fremdartiges. Verwunderung mag nur die Beobachtung erregen, daß die Dogmen des Islam sich seit der Frühzeit dieser Religion kaum weiterentwickelt haben. Zu den Grundannahmen aller Religionen gehören göttliche Offenbarung, ewige Wahrheit des Offenbarten und Wahrheiten über den Menschen wie nach wie vor die von der Minderwertigkeit und Unreinheit der Frau. Frauen sind somit die ausgezeichneten Opfer ihrer Religionen, in die sie eingekerkert sind ohne Möglichkeit eines physischen wie mentalen Entkommens. Sie sind in ihrer Einkerkerung gleichzeitig die leidenschaftlichsten Kämpferinnen für ihren Glauben. Man könnte von einem religiösen „Stockholm-Syndrom“ sprechen.

Aber es gibt seltene, Staunen machende Ausnahmen. Die bekannteste ist Ayaan Hirsi Ali, die als genital verstümmelte somalische Muslima ihren Weg zur selbstbestimmten, befreiten Atheistin fand, in eine Freiheit unter Polizeischutz. Ayaan hat eine Schwester bekommen: Rana Ahmad Hamd, eine Dreiundreißigjährige aus Saudi-Arabien. Das Internet öffnete ihr noch in Riad das Fenster zur Welt – auch der des Unglaubens. Sie beschäftigte sich mit der Evolutionstheorie, mit Nietzsche, Voltaire, Dawkins. Sie entschloß sich, ihre Familie, ihre Heimat, ihre Religion hinter sich zu lassen und floh über die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland. Ungläubige aus aller Welt unterstützen diese Flucht. Sie hat den Schleier und die Abaya, den verhüllenden Mantel, abgelegt, trägt die Haare lang und offen, kurze Kleider und bezeichnet sich jetzt als Atheistin. Weil sie dies geworden war, mußte sie fliehen – vor der Todesstrafe.

Jetzt lebt sie in einem Land, in dem man nicht getötet wird, weil man die Religion verlassen hat. In dem es Religionsfreiheit, auch die Freiheit von der Religion gibt. Aber Rana wird, wie sie in einem Interview sagt, „wütend, wenn ich in Deutschland ein sechs- oder achtjähriges Mädchen sehe, das seine Haare verhüllt. Ich werde auch wütend, wenn einige Muslime jüdische Menschen nicht akzeptieren und wenn ich Demonstrationen wie die in Berlin sehe, wo die Israel-Flagge verbrannt wurde“. Auch in Deutschland begegnet sie dem Islam und den Frauen, denen von ihrer Religion die Freiheit geraubt wird, die sie sich um den Preis der Heimatlosigkeit erkauft hat. Sie kennt ihn vielleicht nicht, deswegen kommentiert sie den Satz vom Islam, der zu Deutschland gehört, nicht, aber er mag sich in ihre Albträume schleichen als Menetekel. Deshalb warnt sie mit Blick auf die Flüchtlingsströme, in denen sie einst auch mitschwamm, vor einer „gesellschaftlichen Katastrophe“ in Deutschland, da die meisten Neuankömmlinge „geistig im Mittelalter leben“ und das Land „vernahöstlichen“ wollten. Sie spricht als eine Expertin der Unterdrückung und Freiheitsberaubung im Namen Gottes mit größerem Recht als alle Sarrazins und AfDler zusammen. Die Rede vom islamischen Mittelalter trifft die Sache, um die es geht, genau, auch wenn sie sich die Völkischen zu eigen gemacht haben. Es sind die Menschen, die in diese Religion hineingeboren wurden, denen das Mittealter ins Gehirn implantiert wurde. Daß wenige wie Rana Ahmad sich dieses Implantat mittels Operation am eigenen Kopf wieder entfernen, würde auch einem Immanuel Kant Respekt abfordern, der den Mut verlangte, sich seines Verstandes zu bedienen und die Unmündigkeit durch Freiheit zu ersetzen.

Politiker und christliche Ideologen, die mit erstaunlicher Ignoranz im Hinterkopf, den Islam verharmlosen und zu den schützenwerten Glaubensformen rechnen, weil sie ohne diesen Schutz auch das Christentum bedroht sehen, sollten sich nur vergegenwärtigen, wie viel Leid allein für Frauen dieses Mittelalter im 21. Jahrhundert produziert. Wenn Hamed Abdel-Samad, auch ein ausgewiesener Experte unter Polizeischutz, den Islam faschistoid nennt, dann sollte man sich auch als Gesetzgeber über das Schützenswerte dieses Mittelalters unter uns grundlegende Gedanken machen. Das finge bei den weiblichen Bekleidungszwängen auch in Freibädern an und erstreckte sich auf Imame, die in Moscheen in Deutschland für den Sieg der türkisch-deutschen Panzer im Kampf gegen die Kurden beten.

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