„Ein frommer Christ kann nicht dumm sein“

Dieser angeblich vom katholischen Theologen Karl Rahner stammende Satz wurde in einem Interview (DLF, 18.1.) mit der ebenfalls katholischen Theologin Johanna Rahner zitiert. Warum glauben gebildete, aufgeklärte, moderne Theologen im Ernst, man müsse den Verdacht, den die abwehrenden Geste des Satzes impliziert, irgendwie ernst nehmen? Warum gehen sie nicht von einer vernachlässigbaren Absurdität, von Fake News aus, wenn die Gleichung im Raum steht: Frömmigkeit = Armut im Geiste? Es scheint, als hielten es die klügsten unter den Frommen, und zu denen zählen beide nur entfernt miteinander verwandten Rahners, immerhin für möglich, daß, bezogen auf die Masse der Glaubenden, der verdummende Einfluß kirchlicher Glaubenslehre relevant sein könnte. Dagegen wollen sie, so Johanna Rahner, aufklären und erzieherisch arbeiten und auch den Islam in diese Arbeit einbeziehen.

Rahner betreibt nach eigenem Bekunden keine feministische Theologie, und dennoch trug sie zur Aufklärung der Tatsache, warum die Frauenordination in der katholischen Kirche verboten ist, in einem anderen Interview (ZEIT) Erhellendes bei, ohne allerdings das letzte, tiefste Tabu zu erwähnen. Es gibt Rahner zufolge „konstruierte Zuschreibungen, die kulturell und historisch bedingt sind. Davon muß die Kirche sich befreien, etwa von Stereotypen des Weiblichen und Männlichen.“ Karl Rahner habe einmal formuliert, „daß er kein theologisch stimmiges Argument für die Verweigerung der Frauenordination kenne. Jedes Argument werde durch das Prinzip der Gleichberechtigung aus der Genesis (Gott schuf den Menschen als Mann und Weib) wieder entkräftet.“ Zur Standard-Auskunft, die Apostel seien doch Männer gewesen, erläutert die Theologin: „Das ist ein biblizistisches und pseudohistorisches Argument. Die Apostel mögen ja männlich gewesen sein. Wie wollen Sie sonst die zwölf Stämme Israels als neues Israel symbolisch inszenieren? Da brauchen Sie halt zwölf Männer. Die Frage ist, wie Sie von den Aposteln zur Ämterstruktur der Kirche kommen. Weder ist historisch betrachtet Petrus der Papst, noch sind die Bischöfe einfach die Nachfolger der Apostel. Die schlichte Gleichsetzung ist historischer Unfug. Männliche Apostel sind also ein schwaches Argument gegen Frauenordination.“

Chapeau, Frau Professorin! Mut haben Sie. Aber, und das könnten Ihre Kritiker berechtigterweise einwenden, Sie sägen am theologischen Ast, auf dem Sie sitzen. Wenn man so will, ist nämlich der ganze Inhalt der Bibel „pseudohistorisch“. Somit auch die Auferstehung und Himmelfahrt Christi. Die „biblizistische“ Berufung auf biblische Stellen, die durch die Jahrhunderte immer wieder redaktionell überarbeitet und an die herrschende Ideologie angepaßt wurden bzw. zur ihrer Verbreitung beitragen sollten, wenn sie noch nicht die herrschende war, findet sich auch in der Berufung Karl Rahners auf den Genesis-Mythos . Und symbolische Inszenierungen gibt es auch im neuen Testament massenhaft. Die bekanntesten und wirkungsmächtigsten sind die Verkündigung durch den Engel, dem kein Beobachter beiwohnte, die nach Bethlehem verlegte Geburt Jesu, damit er von David abstamme, schließlich die Auferstehung, die keiner bezeugen kann, der nicht zum Kreis um den Rabbi gehörte. Und dieser Kreis hatte starke Gründe, den Tod des Lehrers zu verleugnen und zu verdrängen. Und nicht zuletzt zitieren Sie die „geniale“ Reaktion Mariens auf den Verkündigungsengel, die über dessen Ansprache „nachgedacht“ habe. Wollen Sie das unter „glaubwürdige historische Überlieferung“ subsummieren und nicht besser unter die „symbolischen Inszenierungen“ verrechnen?

Sie müssen sich eigentlich nicht vom einem Blog aus dem Netz aufklären lassen über den tiefsten und wahrhaft archaisch-mythischen Grund der Verweigerung der Frauenordination. Ihre Kollegin Uta Ranke-Heinemann hat das schon längst getan. Wir wiederholen es hier noch einmal: Die aus der Antike stammende, im Mittelalter verstärkte und bis ins frühe 20. Jahrhundert akzeptierte Lehre von den Körpersäften enthielt u.a. die Behauptung, das Menstruationsblut sei unrein, ja giftig. Das disqualifiziere die periodisch unreine Frau für heilige Ämter. Aussprechen mag das heute keiner mehr, weil solcher Aberglauben die Religion bzw. die Theologie disqualifiziert für das Gespräch mit anderen Formen des aufgeklärten menschlichen Geistes. Da hilft auch keine noch so elaborierte historisch-kritische theologische Forschung. Und die ist auch noch so inkonsequent, die Ursprungs-Peinlichkeiten ihrer symbolischen Inszenierungen unsichtbar zu machen, statt sich radikal darüber aufzuklären und die eigentliche Substanz der jesuanischen Botschaft als frohe zu verbreiten.

Die „Leistung“ der christlichen Überlieferung und Tradition bestand ja u.a. darin, im Dienste des Patriarchats Weiblichkeit aus den Schriften so gut es ging zu eliminieren, was nicht immer ganz gelang. So findet sich in Lukas 8 eine interessante Aufzählung der Jesus-Nachfolger, mit denen er „von Dorf  zu Dorf und von Stadt zu Stadt wanderte, um das Evangelium zu verkünden“. Genannt werden einige Frauen: „Maria Magdalena, Johanna, die Frau des Chuzas, Susanna und viele andere“. Sie fielen irgendwie durch die Maschen der männlichen Zensur, die schließlich nur die kastrierte Gottesmutter dulden wollte. Warum aber überhaupt das Geschlecht eine so wesentliche Rolle bei der Besetzung kirchlicher Ämter einnimmt, darüber sollte sich die Theologie von der Psychoanalyse aufklären lassen.

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