geSPIEGELte Aufklärung

Zu den Festtagen schenkte der SPIEGEL, hinter dem auch immer ein kluger Kopf steckt, seinen Lesern etwas Versöhnendes – die Botschaft: auch Muslime glauben an Jesus und Maria. Schon Altkanzler Schmidt hatte sich einst hocherfreut gezeigt, daß Maria und ihr Sohn im Koran vorkämen und daraus geschlossen, was später zur stehenden Redewendung gewisser Kreise wurde: der Islam gehört zu Deutschland, sind doch die Muslime unsere Vettern und Basen. „Fremde Brüder“ überschreibt Dietmar Pieper seinen SPIEGEL-Beitrag zum Fest des Friedens. Fremdheit kann überwunden werden, ist die geheime Botschaft. Erzählt wird von der Begegnung zweier muslimischer Geistlicher und eines anglikanischen Christen in Abu Dhabi. Der gespannte Leser wundert sich. Wo bleibt der Jude? Wo bleibt Nathan, der bei Lessing das Gespräch auf den Punkt bringt? Bekanntlich sind die Araber nicht gut auf Juden zu sprechen. Mag sein, daß er deswegen nicht eingeladen wurde. Schade – denn mit ihm hätten sie einen Repräsentanten der Kultur unter sich gehabt und befragen können, dem Christen und Muslime fast das ganze Personal ihrer heiligen  Schriften verdanken. Von Adam und Eva über den geheimnisvollen Henoch, Noah, Abraham und die Erzväter bis Moses etc. – all diese eindrucksvollen Gestalten verdanken wir Nachgeborenen welchen Glaubens oder Unglaubens auch immer dem mythenschaffenden Genie des jüdischen Geistes.

Man muß es so scharf sagen: Mohammed, dem das mythenschaffende Genie abging, hat sie alle gestohlen und zudem den Christen ihren Jesus mitsamt seiner Mutter. Natürlich war er sich des Raubes nicht bewußt. Die Mythen seiner Araber, obwohl prall voller Götter, Dämonen und Geister, waren ihm wohl zu primitiv. Er wollte einen Glauben sozusagen für die höheren Stände, abstrakter und übersichtlicher, mit einem unsichtbaren und unnahbaren Gott und ohne viel Gedöns drumherum, und er fand ihn umrißhaft bei seinen unmittelbaren Nachbarn in Arabien und Palästina, bei Juden und Christen, die ihm bereitwillig ihre Geschichten erzählten.

Nun kann ein offenbarungsgläubiger Mensch, welchem Monotheismus er auch anhängt, nicht davon ausgehen, daß es sich bei all den Geschichten um Mythen handelt, deren Personal nie gelebt hat. Für ihn sind die oben genannten Gestalten „historisch“, es gab sie wirklich, und wenn die Wissenschaft es besser zu wissen glaubt, hat sie Unrecht. So funktioniert das kontrafaktische Denken der Frommen bis heute. Erst recht bei Mohammed, der von „Wissenschaft“ nichts ahnen  konnte. Für ihn war wie für hunderte jüdische und christliche Generationen nach ihm die Bibel ein Geschichtsbuch, von gottinspirierten Propheten offenbart. Nur hatten Mohammed zufolge die Menschen diese Berichte verfälscht, und er mußte vieles zurechtrücken. So die unglaublich beleidigende Geschichte vom Vatergott als einem Sohneserzeuger. Besser gefiel ihm die Sache mit der jungfräulichen Mutter. Und einen Propheten wie Jesus hinzurichten, dazu noch auf besonders schändliche Weise, gefiel ihm auch nicht. Weg mit diesem Unfug! Gott holt Jesus, den vaterlosen Sohn einer jungfräulichen Mutter, einfach zu sich. Im Koran scheint vieles geradlinig und schnörkellos, also gerade richtig für wenig gebildete Wüstenbewohner, denen man sagen mußte, daß sie überschüssige weil zu hungrige Mädchen-Babies nicht einfach lebendig im Sand verscharren durften. Und es gab ja noch die schönen Bücher über Marias Geburt oder die Kindheit Jesu, die nicht im jüdisch-christlichen Kanon aufgenommen wurden und als Apokryphen weiterlebten, bei denen sich Mohammed bediente.

So erscheint die Sache mit der abrahamitischen Gleichursprünglichkeit der drei Religionen, die Vorstellung vom gemeinsamen existierenden Gott in verschiedener Perspektive, dem Gottlosen. Sein kalter, entzaubernder Blick, wie ihn die europäischen Aufklärer sich angewöhnten, wird sogar von vielen christliche Theologen heute geteilt. Sie sind Erben dessen, was man historisch-kritische Theologie nennt, und die Muslime, denen man immer wieder solche Theologie andient, bedanken sich, denn sie vermuten mit guten Gründen in solcher Theologie den Anfang des Glaubensverfalls, wie er in Europa zu beobachten ist. Dagegen erscheint die Perspektive des sonst so respektlosen SPIEGEL nachgerade volkskirchenfromm und voraufgeklärt. Geglaubt wird dort an einen „Gott“, der existiert und der sich den „Muslimen auf andere Weise offenbart: in einem Buch, dem heiligen Koran“. Der, muß man leider hinzufügen, in großen Teilen ein fehlerhafter Raubdruck ist.

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