Der Ungläubige und der „liebe“ Gott

Ein vorweihnachtlicher Einwurf von außerhalb

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas, nach seiner Selbstbeschreibung „religiös unmusikalisch“, hat sich vor ein paar Jahren gleichwohl mit Benedikt XVI zusammengesetzt und darüber nachgedacht, inwieweit man die Sprache des Glaubens, der Theologie, die er „symbolisch“ nennt, in eine säkulare übersetzen könnte. Dann könnten sich, hofft der Philosoph, beide Sphären, beide „Reiche“ verständigen und auch sich gegenseitig bereichern und miteinander aussöhnen.

Der DREYZACK, obwohl, wie er freimütig bekennt, dem ungläubigen, „unmusikalischen“ Lager zugehörig, hat immer wieder zu erkennen gegeben, daß er dem Habermas’schen Gedanken etwas abgewinnen kann. Also kämpft und ringt er auf seine Weise mit den diversen Göttern oder besser Gottesvorstellungen, ohne sich auf den einen, den christlichen, als dem einzigen festzulegen. Das widerspräche seinem Anspruch von Neutralität und Fairness, wie er einem ungläubigen Beobachter des Glaubens und der Gläubigen angemessen wäre.

In diesen Tagen, ausgehend von einem Wort des gegenwärtigen Papstes, geht es um den Gott der Christen, der diesen als „lieber Vater“ zwar vertraut scheint, dennoch aber Charaktereigenschaften zeigt, die dem Liebsein kraß zu widersprechen scheinen. Die Theologen sprechen angesichts des Paradoxons, daß ein allmächtiger und gleichzeitig lieber Vater das Böse in der Welt bis hin zum Erdbeben von Lissabon und zum Holocaust zulassen kann, vom Theodizee-Problem.

Im Vaterunser gibt es den Vers „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Er war schon immer anstößig, aber wie meist im Dunstkreis der Kirche beschwieg man das Anstößige und verbot sich das Nachdenken, wenn man fromm war. Nun hat aber auch Franziskus Anstoß genommen. Im Fernsehen sagte er, daß jener Vers nicht seinem Bild von Gottvater entspreche: „Ein Vater tut so etwas nicht. Ein Vater hilft sofort wiederaufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“ Der Papst mag also einen solchen Vater nicht, und weil er ein Papst der Jetztzeit ist, modelt er ihn jetztzeitmäßig um. Er schraubt und wischt, wie auch viele andere es schon immer gemacht haben, so lange an seinem Gott, besser am Gotttesbild, herum, bis es seine Zwecke erfüllt: entweder die Gläubigen durch Furcht und Schrecken zum Gehorsam zu zwingen oder in Zeiten der Aufklärung mit einer Art Kuschelgott ins postmortale Paradies zu locken. Der dort residierende Gott ist natürlich „lieb“. Ein Gott, der nicht im Schlaf kommen könnte, um dem Kind das Leben zu nehmen. So suggeriert es bekanntlich das Lied „Guten Abend, gut Nacht“ in dem Vers „Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ . Mit dem neuen lieben Gott im Köpfchen, können die Kindlein wieder ruhig schlafen, weil sie in jedem Fall aufwachen werden..

Angesprochen auf die franziskanische bzw. vatikanische Wende im Gottesbild erklärte jetzt der Jesuitenbruder des Franziskus, Pater Klaus Mertes aus St. Blasien, im Radio: „Ich verstehe ja, daß dieses Bild (des versuchenden Gottes) sich reibt mit der Vorstellung von einem gütigen Vater. Ich kann aber nicht deswegen, weil es sich reibt, es einfach verändern.“ Bei solchen Versuchen gehe es nämlich darum, Gott „zu entlasten“. Deshalb sei die Figur Satans eingeführt worden. „Im Kern ist Satan aber nicht zu verstehen als eine Art Gegengott, der jetzt die gesamte Verantwortung für das Negative aufgebürdet bekommt. Am Ende ist Gott der Herr über die Geschichte. Deshalb gibt es eine Verantwortung Gottes für den Gesamtverlauf der Geschichte, die ihm niemand nehmen kann.“

Der ungläubige Hörer staunt. Ein Vater-Sohn-Konflikt. Eigentlich sagt der Sohn: Deine Schöpfung, lieber Vater, ist nicht gerade das geworden, was du dir beim Urknall vorgestellt hast. Ganz im Gegenteil. Und zu reparieren scheint sie auch nicht zu sein. Also muß eine neue her. So darf man Jesu Ankündigung des Reiches Gottes wohl auch verstehen. Das beschwichtigende Schönreden vom Gott der Liebe, der alles wieder gut machen werde, zeigt sich exemplarisch am Einwand des jetzigen Papstes gegen jenen Vers. Auch Pater Mertes glaubt allerdings echt theologisch, daß Gott uns aus der Versuchung wieder herausführen wird. Wie sagt man in diesem Fall so schön schnoddrig: Wer’s glaubt, wird selig.

Welche Lehre entnimmt nun der ungläubige Beobachter dem neuesten Gottesstreit? Schon immer ahnte er mit dem Philosophen Feuerbach, daß es sich um einen Streit um Bilder handelte, die Menschen gemalt und übermalt hatten. Die Menschen haben „Gott“ nicht nur einmal hergestellt, sondern die Gottesproduktion erstreckt sich offenbar prozeßhaft über die ganze Zeit des Menschen. Schon der Neandertaler hatte seine  Blaupausen. Franziskus und Theologen wie Frau Käßmann überpinseln gerade das dunkel-schwärzliche Bild aus dem Mittelalter, dem Isenheimer Altar und Dantes „Divina Commedia“, dem die katholische Kirche lange die Treue bewahrte, mit Babyblau und Hellrosa. Daß einer wie Pater Mertes sich dagegen wehrt, ist aller Ehren wert, wird aber das Mißtrauen der Agnostiker und Atheisten gegen einen sich stets wandelnden und gleichwohl ewigen Gott nicht mindern. Wäre er eindeutig und grausam, könnten sie immerhin die Welt, wie sie sich darbietet, als seine Schöpfung verstehen.

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Eine Antwort zu Der Ungläubige und der „liebe“ Gott

  1. K schreibt:

    Der letzte Satz ist besonders gelungen! Fast so gut wie Nietzsches „Die einzige Entschuldigung für Gott ist, dass es ihn nicht gibt.“

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