Zwischen Sexismus und Feminizid

Übertönt, vernebelt, aus dem öffentlichen Bewußtsein fast verdrängt hat die MeToo-Debatte, daß es in Lateinamerika zwischen Mexiko und Chile in den letzten Wochen Massenproteste unter dem Hashtag #NiUnaMenos  (Nicht eine weniger) gab. Angeklagt wurden von den Protestierenden (Frauen wie Männer) alltägliche und nicht verfolgte Morde an Frauen, die in den Ländern des Subkontinents epidemische Ausmaße angenommen haben. Dabei wird eine auch für den Beobachter zwingende Kausalität zwischen dem herrschenden Machismo und dem Feminizid (feminicidio) hergestellt. Menschen werden nicht getötet, weil sie einem anderen Volk, einer anderen Rasse, einer anderen Religion angehören, sondern – dem „anderen Geschlecht“ (Simone de Beauvoir). Weil Mann dieses Geschlecht aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht auslöschen kann, wie es etwa in Ciudad Juarez an der mexikanischen Grenze zu den USA ansatzweise als Absicht diverser Männergruppen erscheint, weil man es zuweilen auch liebt und sowieso „braucht“, versklavt man es ersatzweise und instrumentalisiert weibliche Menschen zu Lustobjekten und Gebärmaschinen wie auch in großen Teilen der islamischen Welt (Afghanistan, Saudi-Arabien etc.), in Indien oder Afrika.

Dies alles scheint so unendlich weit weg von den Beleidigungen und knieergreifenden, potätschelnden Attacken in Hollywood und der westlichen Welt insgesamt, daß es schwer fällt, zwischen der sexistischen Übergriffigkeit der euro-amerikanischen Männchen und der nackten, meist unbestraften mörderischen Latino-Gewalt, die meist aber nicht immer eine Gewalt innerhalb der Familie ist, einen Zusammenhang herzustellen. Die Klammer vermuten nicht wenige Gender-Theoretiker, Psychoanalytiker und Soziologen in eben jenem Machismo, der im südlichen Europa und dessen kolonialen Ablegern seine Wiege hat. An dieser Wiege sitzt die allseits verehrte Gottesmutter und wiegt ihr männliches Kind, den Stammhalter Gottes.

Die schroffe Ablehnung der Gender-Theorie durch den sonst gar nicht so schroffen Papst Franziskus weist uns den Weg in den biblischen Ursprung des Machismo. Die Gender-Theorie konterkariert den Schöpfungsplan des männlichen Gottes, demzufolge das Weib zwar die Schlange zertreten darf, dem Mann aber zu dienen und mit ihm gemeinsam die Menschheit zu vermehren hat (Genesis 3, 16).  Natürlich werden bibelkundige Christen verneinen, daß jenes „Dienen“ zu elementarer Abhängigkeit und (auch sexueller) Sklaverei führen kann. Sie werden mit ihrer Kirche auf der Hetero-Ehe als Grundlage der gottgewollten Ordnung beharren und sie werden nicht zuletzt darauf verweisen, daß die Frauen diese Ordnung immer willig, ja dankbar hingenommen haben, ehe sie in kleinen Gruppen (Suffragetten) sehr spät gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu revoltieren begannen. Und sie haben (hinter vorgehaltener Hand) recht, was die Rolle der Mütter bei der Reproduktion des Machismo betrifft. Die Psychoanalyse vermutet infamerweise, daß für die Frau das Kind einen Penisersatz darstellt, das selbst mit einem Penis geschmückte Baby um vieles mehr: „Jetzt habe ich auch einen!“

Nichts kann FeministInnen höher auf die Barrikaden treiben als diese Theorie. Dennoch trifft sie ins Zentrum des Problems, das sich in weiten Teilen der Welt als der Stammhalter-Wahn manifestiert. Der Wert der Frau wird in vielen Gegenden daran gemessen, ob sie in der Lage ist, männliche Kinder, darunter auch den Stammhalter, zu gebären. Produziert sie nur wertlose Mädchen, kann es ihr passieren, daß der Gatte nach der Niederkunft im Krankenhaus erscheint und sie erschießt. Solches wurde kürzlich aus Pakistan berichtet. Oder sie töten, wie vielfach in Indien, das penislose Baby, weil die arme und hungernde Familie sie dazu drängt. Die verheerenden Konsequenzen für das numerische Geschlechterverhältnis in Indien und China sind bekannt.

Bleibt die Frage, ob innerhalb auch unserer Gender- und MeToo-Debatte nicht nur die Opfer-Rolle und beschämende Machtlosigkeit der Frauen kritisch hinterfragt wird (wie von Ursula März in der ZEIT), sondern ob jene viel beschämendere Rolle bei der Reproduktion des Machismo nicht einem starken Tabu unterliegt, über das auch FeministInnen streng wachen. Kurz: Welchen Shitstorm würde die Formel auslösen:

MÜTTER MACHEN MACHOS ?

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