Schmuddelkinder

Als der Bundespräsident nach dem Jamaika-Debakel alle ins Parlament gewählten Fraktionen ermahnte, sich ihrer Verantwortung fürs Ganze bewußt zu werden und diese Verantwortung auch zu übernehmen,  schloß er implizit die AfD aus. Niemand, keine der anderen Fraktionen, dessen war sich Steinmeier sicher bewußt, würde bei Abstimmungen, also beim Wahrnehmen von Verantwortung, gern an der Seite der AfD, gar in ihrer Nähe gesehen werden.  Als die anderen Parteien den AfD-Kandidaten für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten wegen Mißachtung der Religionsfreiheit blockierten, versuchten sie dessen Islam-Kritik erst gar nicht zu widerlegen. Daß den Feinden der Religionsfreiheit keine Religionsfreiheit zuzugestehen sei – eine durchaus diskutierenswerte These – wurde unversehens mit dem Prädikat „verfassungsfeindlich“ etikettiert. Die Kritiker der Islamkritiker, diese gerne als Islamophobe pathologisierend, demonstrieren ihre Ignoranz regelmäßig, wenn sie den Eindruck zu erwecken versuchen, der Islam sei in der heutigen Gestalt auch dort, wo er Staatsreligion ist, eine Religion wie jede andere. Ist er aber nicht. Sondern eine politische Ideologie im Dienste nicht nur Allahs, sondern etwa auch der Herrschaftsbewahrung patriarachler Cliquen wie der Saud-Familie oder religiöser mörderischer Fundamentalisten wie der iranischen Mullahs. Dies ist er von seinen medinensischen Anfängen her. Und das will er immer noch für die ganze Welt sein. Nichts anderes behauptet die AfD und beugt sich nicht dem Tabu, das mit dem Islam auch andere Religionen, nicht zuletzt das Christentum, vor Kritik schützen soll.

Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, hat in einem Beitrag für FAZ-net vor dem Versuch gewarnt, „populistischen Strömungen dadurch das Wasser abzugraben, daß man ihre Protagonisten demonstrativ aus dem demokratischen Diskurs ausschließt“. Solche „symbolischen Stigmatisierungen“ kämen im übrigen den Populisten gar nicht ungelegen, würden doch ihre Wähler darin die Bestätigung finden, daß die verhaßten „Eliten“ und ihre Medien eine systematischen Verdrängung und Unkenntlichmachung des wahren Volkswillens betrieben. Entgegen dem formelhaften gedankenblockierenden Gerede von „Rechtspopulismus“ oder „faschistischem Gedankengut“ hält Voßkuhle für erforderlich „eine beständige argumentative Auseinandersetzung mit einzelnen politischen Forderungen“. Gerade auch in ‚heiklen‘ Politikfeldern „müßten demokratische Parteien Farbe bekennen und konkrete Handlungsoptionen aufzeigen, damit der Wähler Alternativen hat“.

Aber ist die „Alternative für Deutschland“ das, was sie zu sein vorgibt – eine Alternative? Ihre Millionen Wähler sehen das wohl so. Ihr konservatives bis reaktionäres Menschen- und Gesellschaftsbild deckt sich in vielen Bereichen durchaus mit dem der CSU und der katholischen Kirche. Wie der Papst hält sie die Gender-Theorie für ein Unglück. Hinsichtlich der Rolle der Frau ist sie aber in Teilen sogar fortschrittlicher als die Kirche, die eine bekennende verpartnerte Lesbe wie Alice Weidel wohl kaum in einer Führungsposition dulden würde. Und niemand träte dem Papst im Ruhestand, Bendedikt , oder seinem Vorgänger zu nahe, wenn er beide „reaktionär“ nennen würde. Das im Kontrast zum „Zeitgeist“ zu sein, billigt man Katholiken in Führungspositionen seit je zu.

Eindeutiger als der Islam gehört ein zum Reaktionären tendierender Konservatismus zu Deutschland – als seit Jahrhunderten kaum veränderter Bestandteil des deutschen Genoms, wenn es denn so etwas gibt. Insofern repräsentieren die AfD und ihre Programmatik wohl einen nicht unbedeutenden Teil der deutschen Bevölkerung, wenngleich nicht das „Volk“.  Die so blödsinnige wie anmaßende Kopie aus der DDR-Bürgerrechtsbewegung „Wir sind das Volk“ deutet allerdings auf das intellektuelle Niveau der Anhängerschaft. Nachplappern bzw. Nachbrüllen eines Slogans aus einer ganz bestimmten und ganz anderen historischen Situation beweist, daß man Geschichte nicht begriffen hat, gerade nicht die des „Volks“, das zu sein man behauptet. Andererseits ist es sinnlos, aus welcher politischen (Fremd-)Scham auch immer heraus, diesen Anteil am „Volkskörper“, den die AFD repräsentiert, verleugnen zu wollen wie ein mißratenes Kind.  Die AfD gehört zu Deutschland, und wir werden nicht nur mit ihr, Fleisch vom deutschen Fleische, leben sondern auch reden müssen. Und sie an der Verantwortung für das Ganze beteiligen  – müssen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s