Digitales Glück

Statistiker sagen uns, daß die digitale Kommunikation den Rückgang der Zahl getöteter Teenager bewirkt hat. Statt sich in eine feindliche Außenwelt zu wagen, wo fremdländische, meist dunkelhäutige Handy-Räuber und auch Totschläger unterwegs sind, kommunizieren sie immer häufiger aus der sicheren Burg des Elternhauses oder der Studentenbude. Mom und Dad wissen das zu schätzen. Partys mit Alkohol oder Drogen, mit tödlichen Gewaltexzessen aus Eifersucht oder handfesten Meinungsverschiedenheiten über Fußballclubs haben sich vielfach in Whatsapp-Gruppen jenseits der Gefahr körperlicher Nähe verlagert. Das gilt natürlich auch für den Sex. Nicht nur sterben weniger Teenies als in analogen Zeiten, es werden auch weniger schwanger. Wie auch?

Der Nerd ist ein einsamer Jäger. Schon die analogen Vorväter wußten, daß der Sex mit sich selbst der schönste ist. Man kennt halt seine ansprechbaren Stellen am besten. Darauf hat sich die digitale Lust-Industrie eingestellt. Sie versorgt die User mit einem unerschöpflichen Vorrat an Liebesgöttinnen, so daß der digitale Venusberg weit hinausragt über die bescheidenen (Venus-)Hügel der Opern-Sinnlichkeit eines Richard Wagner im 19. Jahrhundert, wo noch eine einzige Göttin das Verderben des Helden Tannhäuser inszenieren konnte. Heute gibt es kein Verderben mehr durch die Sünde, weil es keine Sünde mehr gibt. Das mag bedauern wer will – die Kids genießen das harmlose, in der Regel folgenlose Vergnügen. Schon im Jahr 2000 konnte man in dem immer noch lesenswerten Essay „Brauchen wir Tabus?“ (Wallstein-Verlag) lange vor der Erfindung des Smartphones lesen: „Körper, Genitalien sind Spaß-Instrumente wie Autos und Motorräder, mit denen ein mehr oder weniger virtuoser und möglichst steriler Umgang erstrebenswert ist.“ Damals, in den Kinderjahren der Digitalisierung, legten Erinnerungen an das analoge Glück der Berührung immerhin noch das Ziel eines real existierenden Koitus nahe, wobei Folgen wie Teenie-Schwangerschaften in Kauf genommen wurden. Natürlich passieren solche Unfälle zuweilen auch heute noch, aber wer sich den Mühen einer komplexen weil analogen Beziehung zum anderen Geschlecht nicht recht gewachsen fühlt, findet wo er geht und steht im jüngsten Spaß-Instrument einen digitalen Ausweg.

Eine ganz andere, nicht lebenspendende, sondern tödliche Variante von Unfällen, verdanken wir wiederum dem Smartphone. Nachdem die Zahl der Verkehrstoten über viele Jahre stetig zurückgegangen war, was vor allem der gestiegenen passiven Sicherheit zugerechnet wurde, nahm sie wenige Jahre nach Einführung (2007) des digitalen Universalisten, als sich etwa 50% der Leute damit bewaffnet hatten, wieder zu. Heute, wo der Markt gesättigt ist, geht man von jährlich 500 Verkehrstoten in Deutschland aus, die dem internetfähigen Handy zu verdanken sind. Die mörderischen Auffahrunfälle mit Brummis stehen an der Spitze. Jeder kann jeden Tag die Wirkung der Droge Smartphone beobachten – an sich und an anderen. Einst ging man (Mann) nicht ohne Fluppe im Mundwinkel aus oder setzte sich in ein Lokal (man sehe sich ältere Filme an), heute verzichtet kaum jemand, Mann wie Frau, auf den regelmäßigen Blick auf den Bildschirm, Tippen und Herumwischen inklusive. Davon können viele auch nicht beim Autofahren lassen. Was aber macht das Ding zur Dauer-Droge?

Wir wagen eine Diagnose: die Einsamkeit. Es ist ein sich wechselseitig bedingendes Unglück. Wer verlernt, mit anderen zu sprechen, wie die vielen zu beobachtenden Paare an den Kneipentischen, die jeder für sich auf ihr Handy starren, bleibt auch in der Gegenwart anderer Menschen allein. Facebook-„Freunde“ sollen an die Stelle „wirklicher“ Leute treten. Das Wort „Freund“ wird in einer dramatischen Weise entwertet. Aus „Mitteilen“ wird „Teilen“. „Teilen“ hatte vor dem Smartphone eine ganz andere Bedeutung, und doch steckt darin heute noch das „Trennen“. Seit das Telefonieren out ist, gibt es noch nicht einmal die „geliebte Stimme“, wie ein bekanntes Hörspiel über das Medium Wählscheiben-Telefon in den 50er Jahren hieß. In der Regel „teilt“ man, was man im Netz findet oder selbst fotografiert, meistens Katzen. Eine Emoji-Liste, die man per Copy & Paste herunterladen kann, ersetzt das Verbalisieren von Gefühlen und standardisiert sie so zu einem unemotionalen, kalten Schwachsinns-System. Zur Beziehungslosigkeit.

Für all das kann das Smartphone als technisches Wunderwerk nichts. Wäre ihm das Drogenhafte abzutrainieren, könnte man es dem menschlichen Fortschritt zurechnen. Aber im Kontakt mit Homo sapiens erweist es sich, verdammte Dialektik, als trennende, manchmal tödliche Verführung wie zuvor das Auto, mit dessen Hilfe man schon ganze Städte ausgerottet hat (1970 starben in Deutschland 13000 Menschen im Verkehr, 2015 3300). Auto wie Smartphone werden natürlich, in welcher Form auch immer mit dem Internet amalgamiert, weiterleben. Das Handy als Computer, das die Menschen schon zum Digital Native moduliert hat, wird letztlich in Kombination mit künstlicher Intelligenz einen neuen Menschen schaffen: Homo Digitalis. Der könnte sogar unsterblich sein. Daran wird ja schon gearbeitet.

Brave New World.

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Eine Antwort zu Digitales Glück

  1. Said schreibt:

    Ich fürchte, da ist einiges dran. Andererseits darf auch nicht vergessen werden, dass das Smartphone gewöhnliche Drogen ersetzt, mit denen frühere Generationen Probleme hatten.
    Das Thema wird jedenfalls viel diskutiert derzeit:
    http://www.epochtimes.de/feuilleton/die-kinder-von-heute-haben-smartphones-eine-generation-zerstoert-a2187252.html

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