Vorbeben

Während sich auf den Titelseiten der Zeitungen die künftigen Koalitionäre tummeln, Trump die Welt das Fürchten lehrt oder Brexiteers und Katalanen auf Zeit spielen, während die Leser das alles für wichtig halten, wird die mittelfristig anstehende Katastrophe auf den letzten Seiten fast schamhaft angekündigt:

„Im Sommer sank die Zahl fliegender Insekten um 82 Prozent. Wissenschaftliche Studie bestätigt Hinweise auf dramatisches Massensterben in weiten Teilen Deutschlands“ (Bonner GENERALANZEIGER v. 19.10.2017)  –  „Spatz und Star werden seltene Gäste.  Laut Naturschutzbund gibt es in Deutschland 12,7 Millionen Vogelpaare weniger“ (dasselbe Blatt am 20.10.2017) – „Regenwürmer werden immer seltener auf deutschen Äckern. Viele Arten sind bedroht. Grund ist die moderne Landwirtschaft mit Monokulturen und Maschinen- bzw. Chemieeinsatz“ (WDR)

Was geht uns das an? Mücken und Wespen sind Quälgeister, verschmutzen (in diesem Sommer gottseidank nicht!) die Windschutzscheiben. Vögel mit ihrem Geschrei am Morgen stören das Weiterschlafen. Und Würmer? Ich bin doch kein Maulwurf.

Was die Insekten angeht, so spricht die Wissenschaft von einem Kaskadeneffekt, wenn sie verschwinden. Vögel, kleine Säuger, Ampibien leben von ihnen und verschwinden ebenfalls. Wer vor 30 Jahren in deutschen Mittelgebirgen spazierenging, konnte an Sommertagen über den Feldern den Himmel als eine Glocke von Lerchengesang erleben. Heute sieht er dafür um so mehr Kondensstreifen, und die Lerchen sind den Drohnen gewichen. An all das kann man und wird man sich gewöhnen. Die Spezies Homo ist anpassungsfähig. Moderne Städter brauchen inmitten des sie umgebenden Motorenlärms keine Singvögel, aber um so mehr industriell hergestellte billige Lebensmittel im Supermarkt. „Kann doch nicht alles Bio sein,“ schimpft der CSU-Landwirtschaftsminister und nennt die Grünen „Spinner“. Dabei ist „der Insekten frohes Völkchen“ (Goethe) verantwortlich für die Bestäubung und damit für die Fortpflanzung der meisten Arten Na und? Wenn es keine Äpfel mehr gibt, kaufe ich die Vitamine eben in Pillenform. Und die sogenannte „Artenvielfalt“ kriege ich von meinem Auto oder dem Flieger aus, mit dem ich mich in der Regel bewege, sowieso nicht zu sehen. Warum sollte ich den Rückgang also bedauern? Was ich nicht kenne, kann mir nicht fehlen.

Also sehen wir auf das offenbar zu vernachlässigende Fazit von Hans de Kroon, dem Leiter einer niederländisch-deutsch-britischen Studie zu den Auswirkungen industrieller Landwirtschaft: „Man kann sich kaum vorstellen, was passiert, wenn dieser Trend (Rückgang der Insekten-Biomasse)  anhält und wir noch einmal Dreiviertel von dem, was noch übrig ist, verlieren. Wir sehen Hinweise darauf, daß selbst ganz häufige Vogelarten wie Spatzen, Stare, Amseln und Elstern auf dem Rückzug sind.“ Nun wissen die Vögel zu ihrem Glück nicht, daß sie aussterben, und wir werden uns an ihr Fehlen, das irgendwann keins mehr sein wird, gewöhnen.

Es deutet vieles darauf hin, daß das Anthropozän, das von Menschen wesentlich gestaltete Zeitalter, die Erde als Wüste hinterlassen wird. Jenen Geschöpfen, die (vielleicht) auf uns folgen werden, vererben wir einen Planeten, der einmal zu den Wundern des Universums gehörte. Wir sahen, als wir noch glaubten, in ihm das Produkt eines Schöpfungsaktes des guten Gottes. Es gab aber immer schon Skeptiker, die die „Schöpfung“ für das Werk eines bösen Demiurgen gehalten haben, dessen Befehl „Macht euch die Erde untertan!“ die klügsten seiner Geschöpfe leider folgten. Das nicht so radikal zu tun, wie jetzt zu besichtigen ist, waren sie nicht klug genug.

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