Die Parteien, die AfD und der Islam

Nach den Äußerungen des AfD-Politikers Albrecht Glaser zum Islam (DREYZACK: „Die Wahl und der Islamismus 2“) und den feindseligen Unisono-Reaktionen der anderen Parteien darauf kann dem kritischen Beobachter des politischen Betriebs angst und bange werden. Die Statements der Politiker der „etablierten“ Parteien bewegen sich im Modus aggressiver Polemik, zeugen von wenig Sachverstand, noch nicht einmal ansatzweise von jener Bereitschaft zur sachlichen Diskussion mit dem neuen politischen Gegner, die man nach der Wahlschlappe den Wählern zugesagt hatte. Haben sie wirklich „verstanden“, wie Horst Seehofer von sich behauptete? Wenig deutet darauf hin, nicht auf Jamaika, das sich gerade aus der Karibik erhebt, noch auf dem untergegangenen Kontinent Sozialdemokratie. Sie verbreiten weiter, was sie nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen und spielen dem Wahlvolk großmäulig ihr Demokratieverständnis vor („Religionsfreiheit für Muslime als Menschenrecht“), das sich immer mehr als Fassade von Machtgier erweist.

Der DREYZACK hat die Äußerungen Glasers zitiert und läßt jetzt einen ausgewiesenen Experten, den aus Algerien stammenden Muslim Abdel-Hakim Ourghi, islamischer Theologe in Freiburg, zu Wort kommen, der – das muß hier ausdrücklich gesagt werden –  kein AfD-Mitgied ist, auch sonst keine Nähe zu dieser Partei verspürt, wenn auch seine Position in der muslimischen Community – wen wundert’s ? – umstritten ist. Mit Glasers Thesen deckt sich sein Bild des Mainstream-Islam, wie er auch in Deutschland von sog. „Import-Imamen“ gepredigt wird, weitgehend. Anläßlich des Erscheinens seines Buches „Reform des Islam: 40 Thesen“ sagte Ourghi in einem Rundfunk-Interview (DLF):

„Zur Zeit befindet sich der Islam in einer gewissen Sinnkrise. Diese Sinnkrise sehen wir in den Gewalttaten der Islamisten, die Muslime sind, oder in der Unterdrückung der Frauen. Mir ist bewußt, daß der Islam inzwischen eine unheimliche Seite hat, die in seiner Umgebung Unbehagen auslöst. Das hat damit zu tun, daß wir Muslime nie gelernt haben, zwischen der Macht der Kanzel und der Macht des Weltlichen zu unterscheiden. Wir müssen den Islam von seinen politischen Tendenzen befreien. Ich unterscheide deutlich zwischen dem ethischen, humanistischen Koran und dem politischen, juristischen Koran. Dieser politische, juristische Koran ist gedacht für eine Gemeinde des Propheten im 7. Jahrhundert und paßt einfach nicht mehr in unsere Zeit. Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, ist die falsche Frage. Die richtige: Was für einen Islam brauchen wir heute in Deutschland? Ich sage es ganz deutlich: Nur ein Islam, der reformierbar ist und nur ein Islam, der die Anderen akzeptiert, wie sie sind, der auch Atheisten akzeptiert, wie sie sind, ist überlebensfähig.“

Ist das ein Plädoyer für den Schutz des frauenverachtenden, demokratieskeptischen Steinzeit-Islam durch die Verfassung eines demokratischen Staates, der glaubt, auf dem Fundament der Aufklärung zu ruhen? Implizit sagt Ourghi in Übereinstimmung mit Ayaan Hirsi Ali und anderen liberalen (Ex-)Muslimen: Entweder ihr reformiert euch im Geiste der Aufklärung und der Menschenrechte oder ihr gehört nicht zu uns. Wie heißt es im AfD-Parteiprogramm? „Ein orthodoxer Islam, der unsere Rechtsordnung nicht respektiert oder sogar bekämpft und einen Herrschaftsanspruch als alleingültige Religion erhebt, ist mit unserer Rechtsordnung und Kultur unvereinbar.“ Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Zur Situation der unter uns lebenden Muslime hat Ourghi auch Erhellendes beizutragen: „Die in den muslimischen Gemeinden vermittelte Religion, sei es in den türkischen oder in den arabischen Moscheen, ist realitätsfremd, nicht zukunftsfähig. Sie verfolgt eine Pädagogik der Unterwerfung, die ihre Anhänger in den westlichen Gesellschaften systematisch isoliert. Die Import-Imame predigen keinen humanistischen Islam, sondern einen, der versucht, die Menschen von den Anderen abzuschotten. Das ist ein konservativer Islam, der will bewußt einen Gettoglauben in den muslimischen Gemeinden produzieren. Die Angst vor Gott, die die Gelehrten im Laufe der Jahrhunderte gepredigt haben, ist fesselnd. Sie verhindert die Menschen, sich zu entdecken Das ist nicht der Islam, den wir hier bei uns in Deutschland brauchen. Wir brauchen einen humanistischen Islam, der mit unseren westlichen Werten vereinbar ist, darüber hinaus auch mit unserem Grundgesetz.“

Ourghi ist überzeugt, daß es einen solchen Islam, wie ihn auch Seyran Ates und ihre liberale Ibn Rushd-Goethe-Moschee anstreben, in Europa mehrheitsfähig werden kann. Daran mag mit Blick auf den globalen patriarchalisch-autoritären. Islam und die Macht der reaktionären Geistlichkeit gezweifelt werden. Daß aber die Fundamentalkritik auch muslimischer Theologen am traditionellen Islam, der „fundamentalistisch“ ist aus seinem Selbstverständnis heraus, endlich von den seit der Wahl orientierungslos gegen die AfD anrennenden Politikern zur Kenntnis zu nehmen wäre, ist naheliegend. Die AfD-Wähler und ihre noch heimlichen Sympathisanten fürchten sich wahrscheinlich weniger vor Ausländern an sich als vor jenen, die Ourghi als abgeschottet, autoritär, frauenfeindlich beschreibt.

Fehlt nur noch, daß man einen wie Ourghi der Islamophobie bezichtigt. Manche Gute Menschen wetzen vermutlich schon die verbalen Messer, während die Bärtigen schon länger eine Fatwa ausbrüten. Der nächste Personenschutz für liberale Muslime steht ins Haus. Gilt für die Mörder aus religiöser Überzeugung auch das Menschenrecht auf Religionsfreiheit?

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