„Mein Stück Stoff“

Unter dieser Überschrift faßt die FAZ in ihrer Hochglanz-Wochenend-Modeausgabe die Äußerungen von sechs modebewußten und gleichzeitig gläubigen jungen Muslimas zusammen, die in Deutschland geboren oder aufgewachsen sind. Was den weder christlichen noch sonst gläubigen, also „neutralen“ Beobachter interessiert,  ist die Frage nach Funktion/Bedeutung von Kopftuch oder Hijab im kulturellen, religiösen oder geschlechtsspezifischen Sinn, denn einen solchen muß das „Stück Stoff“ haben, zumal bei Frauen, die die Köperfeindlichkeit resp. -angst vorgeblich nicht teilen.

Die üblichen Antworten sind bekannt: Ich fühle mich sicherer, mein Körper soll nicht Aufmerksamkeit erregen, Geist und Seele sind wichtiger, ich will meinen Glauben offen zeigen und damit Allah gefallen Eine türkisch-stämmige 21jährige hält es für „haram“, also verboten, den Körper durch zu enge Kleidung zu „betonen“, d.h. seine Weiblichkeit erkennbar zu machen. Weiterfragen ist anscheinend so unerlaubt wie der Zweifel an Vorschriften der Tradition, denn der Koran selbst schreibt nur allgemein „Züchtigkeit“ vor, für Männer und Frauen übrigens, nicht anders als die christliche Tradition. Daß das Verbergen der Weiblichkeit einen ganze anderen Sinn haben könnte, als Allahs Willen und den der Eltern zu erfüllen, gerät nicht ins Bewußtsein. Wer nicht „auf Schönheit reduziert werden“ möchte wie eine 24jährige Palästinenserin, unterstellt, daß die Wahrnehmung von Schönheit, also auch und nicht zuletzt der Haare, alle anderen Wahrnehmungen, etwa der Seele, des Geistes, der Klugheit, des Charakters verhindert. Es fällt schwer, den Verdacht zurückzuweisen, daß die Männer ihrer Kultur ihr diesen Verdacht nahegelegt haben. Der Verdacht meint das reine körperlich-sexuelle Objektsein als zentrales männliches Begierde-Ziel. Dies allerdings legt der Koran den gläubigen Männern nahe: daß Frauen (wenn ökonomisch möglich: vier) den männlichen Trieb zu befriedigen haben und bei Strafe des Geschlagenwerdens diese Aufgabe nicht vernachlässigen dürfen.

Das Kopftuch wie die Verschleierung im Ganzen, ist weniger ein religiöses Gebot, wie eine 26jährige Kurdin behauptet, als vielmehr Ausdruck eines tiefgründigen Geschlechter-Mißtrauens, im Extremfall Geschlechter-Hasses, wie ihn auch die jüdische und die christliche Tradition kennen (Eva brachte bekanntlich den Tod in die Welt). Der Mann, das Ebenbild Gottes, begreift mit seiner Verführbarkeit allein durch den Anblick einer unverhüllten Frau, daß seine eingebildete gottähnliche Autonomie Schein ist. Sein Heil ist bedroht durch den Körper und die Verlockungen der Frau, an denen er sich nur unter Beachtung strenger Regeln (Ehe)  erfreuen darf. Daher die Geschlechterapartheid im öffentlichen Raum. Sie trennt die Mädchen und Jungen, die Unmündigen, auf dem Schulhof.

Muslimische Frauen bemerken wohl früh das Mißtrauen (oft als Verachtung und Huren-Verdacht maskiert), das ihnen von den Männern entgegengebracht wird; sie registrieren den kaum unterdrückten Haß auf ihr Geschlecht und suchen Schutz in der Verhüllung. Religionen haben immer dazu tendiert, den Graben zwischen den Geschlechtern zu vertiefen, so daß sich diese manchmal wie feindliche Völker gegenüberstehen. Im Islam der Gegenwart hat das etwa im Bereich der saudischen Religionsinterpretation (Wahhabismus) zu so absurden Formen gefunden wie den Frauen das Autofahren zu verbieten, könnten sie doch als Mobile ihre ständige Bereitschaft zur Untreue in Realität umsetzen.

Eine der Musliminnen, die sich in der FAZ äußern, bemerkt ganz harmlos, daß ihr Mann ihr das Kopftuch „verbieten“ oder „erlauben“ kann. Sie stuft sich auf den Stand eines unmündigen Schulhof-Kindes zurück, ohne das zu bemerken. Von der „göttlichen Ordnung“ war kürzlich in einem Film ironisch die Rede, der den Kampf um das Wahlrecht der Schweizer Frauen in den 70er Jahren thematisierte. Diese Ordnung beherrscht als von Männern, heiligen und weniger heiligen, vermittelte und diese zu Herrschern bestimmend offenbar auch das Denken und Fühlen (nicht nur) muslimischer Frauen, die, indem sie sich farbige und phantasievolle Hijabs anziehen, den Spagat zwischen dem Bedürfnis, etwas Schönes zu sein und es gleichzeitig nicht zu zeigen, versuchen. Auch sie sind Geiseln ihrer Religion, in die sie hineingeboren wurden und der sie niemals entkommen können.  Muslima zu sein ist (von Konvertitinnen abgesehen) ein Schicksal, für das kein Individuum verantwortlich zu machen ist. Das sollten die Nicht-Muslime vor allem im Umgang mit verschleierten Musliminnen immer beachten.

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