Tabu und Demokratie

Auch moderne, aufgeklärte, säkulare Gesellschaften sind umstellt von Tabus, umringt von ihnen wie eine mittelalterliche Stadt von ihrer Mauer. Würde man sie niederreißen und alles in Frage stellen, was die Tabus in Frage zu stellen verbieten, gäbe es kein Halten mehr und die Welt würde im äußersten Fall in Blut und Chaos versinken. So, wenn über der militärischen Verwendung von Kernwaffen kein Tabu läge. Wenn das einzelne Leben nicht so viel wert wäre wie das Leben aller anderen. Oder wenn der Geist von Auschwitz nicht von Tabus, sogar strafrechtsbewehrten, gebannt würde. Früher war die Infragestellung der Existenz Gottes der größte denkbare Tabubruch und wurde entsprechend, wie heute noch im Islam, geahndet. Am Verschwinden dieses Tabus zeigt sich aber, daß Tabus so wenig wie andere Produkte des kollektiven Geistes einen Anspruch auf Ewiggültigkeit haben. Das gilt auch für die Demokratie, wie wir sie kennen, behauptet zumindest der amerikanische Politikwissenschaftler Jason Brennan. Er  schrieb ein Buch mit dem Titel „Gegen Demokratie“ und erntete prompt das Empörungsgeschrei professioneller Tabubewahrer in Deutschland.

Brennan identifizierte Phänomene wie „Brexit“ und „Trump“, die nicht im Innern afrikanischer Urwälder in Erscheinung traten, sondern inmitten der fortgeschrittensten Gesellschaften der Welt, als  Symptome pathologischer Entwicklungen innerhalb der Demokratie. Diese sei also krank und die Suche nach rettender Medizin dringlich. Bisher habe zwar die Demokratie besser funktioniert als alle anderen Regierungsformen, aber vielleicht gebe es Wege, sie zu optimieren. Brennan will also Demokratie gar nicht abschaffen, sondern durch eine Organisation von Herrschaft ersetzen, die „Epistokratie„, Herrschaft der Wissenden, genannt wird. Ein alter platonischer Gedanke. Die Wissens-Aristokratie soll durch formale Bildungsabschlüsse oder durch staatsbürgerliche Wissenstests ermittelt werden und ersetzte das normale Wahlvolk ganz oder bekäme mehr Stimmen als der schlichte, Brennan zufolge in der Regel ahnungslose Wahlbürger. Mancher mag sich an das preußische Dreiklassenwahlrecht erinnert fühlen, mit dem Unterschied, daß nicht Einkommen, sondern Bildung das leitende Kriterium ist. Hier schließt Brennan an das angeblich für das Funktionieren der Demokratie unabdingbare Ideal des „mündigen Bürgers“ an. Auch die Kant’sche Bedingung des Aufgeklärtseins, die „Mündigkeit“ resp. „Urteilsfähigkeit“, könnte ins Spiel gebracht werden. Urteilsfähige Bürger sind, so die Idealvorstellung, gegen Sirenengesänge der Populisten, die etwa Amerika wieder groß machen oder Europas Grenzen hermetisch geschlossen halten wollen, immun.

Gewichtige Einwände faßte ein SWR-Kommentar (Claus Heinrich) zusammen: „Eine Eliteherrschaft demütigt die Ausgeschlossenen, unterhöhlt die Legitimation der Regierung, schwächt die Akzeptanz der Gesetze und zersetzt so den Zusammenhalt der Gesellschaft.“ Ist der Einwand plausibel? Als Ausgeschlossener gedemütigt fühlen kann sich nur, wer Teilhabe wünscht und nicht schon zuvor als Wahlenthalter in Erscheinung trat. Ein nicht geringer Teil des Wahlvolks sehnt sich, des „ewigen Streits“ überdrüssig, wie bekannt, nach dem starken Führer, dem „guten König“, an dessen Stelle auch eine starke „wissensadelige“ Gruppe treten könnte. Die Akzeptanz der Gesetze könnte nur geschwächt werden, wenn die Legitimität der „Elite“ nicht gegeben wäre. Die Sehnsucht nach und die Hochachtung vor dem Adel ist im Volk aber weit verbreitet, das ihm gerne seine Privilegien zuerkennt. Will sagen: der Einwand des Autors beruht auf einer fragwürdigen Gesellschaftsanalyse, die autoritäre, obrigkeitsgläubige Strukturen in breiten Schichten nicht wahrhaben will.

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG kramte Claus Leggewie gar die Idee von der „Weisheit der Vielen“ (Schwarmintelligenz) heraus, um die Überlegenheit der Massendemokratie zu belegen, wohlweislich aber die real stattfindenden Weisheits-Exzesse in den USA, Ungarn, in der Türkei und Polen nicht als Belege ins Feld führend. Zu befürchten ist, daß die Theorie von der „Weisheit der Massen“ ausgedacht wurde, um die Hoffnung hochhalten zu können, nach jedem Debakel würde es, typisch Demokratie, wieder einen Aufschwung geben, nach der Herrschaft der Bösen (Trump) wieder eine der Guten (Obama-Klone). Die Fähigkeit zum Wandel sei die eigentliche Stärke der Demokratie. Wem aber das Menetekel an der Wand „T R U M P“ entging, wird auch dessen obszönes Spiel mit der Bombe nicht ernst nehmen und insgeheim hoffen, auch nach dem kaum denkbaren nuklearen Feuer sei Demokratie fähig, einen neuen Aufschwung zu generieren.

Wenn Demokratie nach dem Schema One-man-one-vote“, unterstützt von fragwürdigen Regeln zur Herstellung von Mehrheiten (Wahlmännersystem), im nuklearen Zeitalter einen Trump hervorbringen kann, könnte dies auch das Ende der Spezies bedeuten. Daß dieser Gedanke nicht gedacht werden darf, ist ein Paradigma für die Wirkungsweise des Tabus. Psychologen sprechen vom Mechanismus der Verleugnung, wenn eine Erinnerung, ein Gedanke als zu schmerzhaft, ja unerträglich erscheint. Weltgeschichtliche Karriere machen solche auch kollektiven Verleugnungen, denen ein neues und nachhaltiges Narrativ entspringt, nicht selten. Das prominenteste Beispiel ist das von der Auferstehung Christi.

Brennans Tabubruch verdient es, gerade wegen vieler offener Fragen nach Praktikabilität, weitergedacht und nicht, wie vom Bundestagspräsidenten Lammert (in einer 3sat-Doku) mit einem „Geht gar nicht“ vom Tisch gewischt zu werden, als handle es sich um das Kommunistische Manifest . Auch Demokratie kann gesellschaftlichen, historischen Prozessen nicht entkommen. In den Konstruktionen von „lenkbarer“ (Putin) und „illiberaler“ Demokratie (Orban) hat sie schon diverse, allerdings fragwürdige Gestalten angenommen, die dort nur zum Machterhalt beitragen sollen, nicht zur Rettung der Herrschaftsform, die allein Freiheit garantieren kann, als solcher.

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Eine Antwort zu Tabu und Demokratie

  1. FF schreibt:

    Gelesen,genehmigt.
    F

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