Die dialektische Bombe

Für eine Welt ohne Atomwaffen setzen sich in den letzten Jahren verstärkt viele Gute Menschen ein, nicht zuletzt der nun vor dem dunklen Trump-Hintergrund hell strahlende Obama. Wer traut sich, diesen humanen Wunsch nicht zu unterstützen und ihm nicht Erfolg zu wünschen? Die Bombe, das zeigten die Bilder aus Hiroshima und Nagasaki, aber auch die riesigen Pilze der H-Bomben-Versuche der 50er und 60er Jahre, die das Vielfache der Hiroshima-Zerstörungskraft signalisierten, versetzten die gesamte Menschheit in eine Art Schockstarre, in deren Bann sie den sog. „Kalten Krieg“ führte. Sie nannten die Voraussetzung der Kälte: das Gleichgewicht des Schreckens. Und das war labil. 1962, in der Kuba-Krise, war es fast soweit. Und später, etwa in der Berlin-Krise 1963, weil alle nervös waren und der anderen Seite alles Böse zutrauten, immer wieder mal. Wir hatten viel Glück. Das weiß man heute.

Vergleicht man diese Krisen mit denen, die den beiden Weltkriegen vorausgingen und zu ihnen führten, wird klar, daß ein konventioneller Dritten Weltkrieg mit der Drohung  konventioneller Waffen nicht zu verhindern gewesen wäre. Er allerdings hätte die Verheerungen der vorausgegangenen Kriege bei weitem übertroffen, sofern man sich das überhaupt vorstellen kann. Immerhin waren die Schreckensbilder im kollektiven Gedächtnis und auch in dem der verantwortlichen Politiker dazu angetan, immer wieder rechtzeitig einen Rückzieher selbst bei Gesichtsverlust zu machen.

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker trat 2011 in seinem Buch „The better Angels of our Nature. Why  Violence has declined“ (deutsch: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit) mit Statistiken und vielen guten Argumenten bewaffnet dem verbreiteten Eindruck entgegen, die Welt werde immer gewalttätiger, der Dritte Weltkrieg sei unausweichlich. Im Kapitel „Der lange Frieden“ versucht Pinker die Frage zu beantworten, warum es seit 1945 keinen Krieg weltweiten Ausmaßes mehr gegeben hat. Seine Antwort zieht die „Bombe“ kaum mit ins Kalkül, sondern die Psychologie – will sagen: das Menschenbild. Pinker hat eins, das den Menschen als lernfähig und -bereit begreift. Er konstatiert eine „Veränderung in der Geisteshaltung“: „Die Wege, auf denen Industrieländer den Krieg begreifen und sich darauf vorbereiten, haben einen weitreichenden Wandel durchgemacht.“ Soll wohl sagen: Die Welt ist rationaler geworden. Auch denkt der Psychologe Pinker an eine „Psychologie des Tabus – eine gegenseitige Übereinkunft, daß bestimmte Gedanken böse sind und deshalb nicht gedacht werden dürfen“. Es wäre wohlfeil, heute, 6 Jahre nach Pinkers Buch und in einer veränderten Welt, dem Autor vorzuwerfen, daß er Donald Trump und seine Wähler nicht vorhersehen konnte. Mit einem anderen Menschenbild ausgestattet, wäre es ihm vielleicht möglich gewesen. Dazu kommt der weltweit aktive politische Islam mit seiner fanatischen Jenseitsbesessenheit, dem ein Wohlergehen auf Erden als alles andere als ein erstrebenswertes Ziel ist.

Immerhin konzediert Pinker: „Wahrscheinlich war der geringfügige (?) Unterschied zwischen den unvorstellbaren Schäden, die ein Nuklearkrieg anrichten könnte, und den vorstellbaren, aber ungeheuerlichen Schäden eines konventionellen Krieges der wichtigste (!) Grund, der die Großmächte vom bewaffneten Konflikt abhielt.“ Dennoch will Pinker die Theorie eines „nuklearen Friedens„, deren wichtigstes Argument die „dialektische Bombe“ ist, nämlich keine Waffe, sondern das Ende aller Waffen, mit denen Kriege geführt und gewonnen werden können, nicht akzeptieren. Voraussetzung des Friedens ist allerdings, daß diese Dialektik verstanden wird. Bei Donald Trump sind berechtigte Zweifel angebracht. Einige seiner Bemerkungen zur „Bombe“ deuteten darauf hin, daß er sie für eine brauchbare Waffe hält und daß er das Tabu, von dem Pinker spricht, auch zu brechen bereit ist.

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