Blick und Schleier

Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat in einem zentralen Kapitel seines Werks „Das Sein und das Nichts“ den „Blick des Anderen“ analysiert und bemerkt, es seien nie „die Augen, die uns anblicken: es ist der Andere als Subjekt“. Im wechselseitigen Sich-Anblicken sind wir Objekte und Subjekte. Furcht, Stolz oder auch Scham können Reaktionen auf den Blick des Anderen sein, aber immer ist es ein Subjekt, ein Mensch, der sich im Zweifel fürchtet, schämt oder aber den Stolz zeigt, die Person zu sein, die er ist. Wenn man in den Kulturen des Westens sich gegenseitig das Gesicht zeigt, ist das nicht nur ein kultureller Brauch neben anderen Bräuchen wie dem Händeschütteln, sondern es ist die elementare Voraussetzung für ein Gesellschaft, deren Mitglieder sich gegenseitig als Subjekte anerkennen, ohne sich im Idealfall – etwa als Männer die Frauen – zu unterdrücken.

Miriam Goldmann, die Kuratorin einer Ausstellung im Berliner Jüdischen Museum, die sich mit Ursprung und Geschichte des Verschleierungsgebots befaßte, erklärt zur Praxis der Verschleierung, sie gehe zurück auf das 2. Jahrtausend v.Chr. und stamme aus den mittelassyrischen Gesetzen, also aus dem Zweistromland im heutigen Irak. Frauen höherer Gesellschaftsschichten sollten sich die Haare bedecken. So sollten sie vor Übergriffen, auch vor übergriffigen männlichen Blicken geschützt werden. Frauen und Mädchen unterer Klassen durften sich nicht bedecken und blieben so ungeschützte Objekte der allgegenwärtigen Begierde. Alle nachfolgenden Gesellschaften, so Goldmann, übernahmen den Brauch; um 500 n.Chr. bedeckten arabische, römische und byzantinische Frauen rund um das Mittelmeer ihr Haupt. Später schlossen sich die Muslime an. Auch bei ihnen galt das Verschleierungsgebot zuerst nur für die Ehefrauen Mohammeds (Sure 33,59).

Aus dem kulturellen Phänomen, das zur pragmatischen Voraussetzung den Schutz der Frauen vor offenbar allgegenwärtiger männlicher Vergewaltigungsbereitschaft hatte, wurde unter Hinzuziehen diverser, in den heiligen Schriften festgehaltener Mythen (etwa Genesis 6, worauf sich wiederum 1. Korinther 11,10 bezieht) religiöse, von Gott stammende Vorschriften. Religiöse Systeme gehen aber nicht als ewige den kulturellen voraus, sondern sind im wesentlichen eins mit ihnen und wie diese geschichtlichen Wandlungsprozesses unterworfen. Das Wesen der religiösen Dogmatik bestand lange darin, diesen Prozeß der Wandlung, also die Evolution der Religion und des Glaubens, zu leugnen. Hierzu bemerkt Goldmann, daß das Bedeckungsgebot in keiner Religion zu den zwingend auszuführenden religiösen Gesetzen gehört. Eine Muslima, die heute das Gegenteil behauptet, ist so unaufgeklärt über die Geschichte ihrer Religion und ihrer Regeln wie die meisten Anhänger aller Religionen. Historisches Bewußtsein wäre aufgeklärtes Bewußtsein und damit Gift für den Glauben.

Religiöses Leben ist ohne Bräuche und Rituale nicht vorstellbar, auch wenn vieles davon in den Augen Nichtreligiöser zu seltsamen oder gar grausamen Bizarrerien führt So erscheint ihm etwa als massenhafte Fetischanbetung die Heiligen- bzw. Reliquienverehrung des Katholizismus. Das sexualneurotische Grundselbstverständnis des Islam führt im Extrem zur Totalverschleierung oder zur Suizidbomberei mit Hoffnung auf die Jungfrauen, die man hienieden nicht kriegt. Im Grunde ist der immer wieder zu beobachtende Versuch, religiöse Exzesse als „kulturelle“ vom religiösen Zusammenhang abzulösen, Folge jener Fehlinterpretation des Offenbarungsglaubens als jeder historisierenden Auslegung und damit auch dem „Zeitgeist“ enthoben.

Die katholische Reaktion auf die sog. „Ehe für alle“ hat das wieder deutlich gemacht. Die klassische katholische Ehezwecklehre, wonach die Ehe „darauf angelegt ist, Kinder zu zeugen und zu erziehen“ (so ein bischöflicher Pressesprecher in einem Diskussionsbeitrag) bezieht sich in naturrechtlicher Tradition auf die Weisung Gottes: Seid fruchtbar und mehret euch! Gerade diese Weisung könnte, global befolgt, zum Ende der Bewohnbarkeit des Planeten beitragen. Mit dem Kondomverbot hat die katholische Lehre bis jetzt schon unendliches Leid erzeugt. Findet keine Änderung der frommen Denkungsart statt, helfen die Religionen entgegen ihrer immer wieder bekundeten Absicht bei dem gegenwärtig eifrig betriebenen Geschäft mit, das, was sie „Schöpfung“ nennen, zu vernichten.

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