Peter S. gottlos zu Haus

„Nach Gott“ heißt ein kürzlich erschienenes Werk des Philosophen Peter Sloterdijk, der auch für einige seiner Kollegen ein ständiges Ärgernis darstellt. Der Titel bezieht sich auf die in die Jahre gekommene Feststellung Nietzsches, daß „Gott“ tot sei, wer immer dieser „Gott“ gewesen sein mag. Schon Nietzsche machte sich düstere Gedanken über die Folgen des Gottesmordes, denn, so meinte er, „Gott“ sei nicht einfach so gestorben, etwa an Altersschwäche, sondern „wir“ hätten ihn massakriert. Dadurch wurde die Zukunft der Menschen so offen wie unheimlich. Keine Schöpfung, nur blinde Evolution; kein Sinn, sondern Zufall (Kontingenz, wie die Philosophen sagen); kein Ziel, sondern irgendwann ein Verglühen der Sonne; keine Erlösung, sondern nur Tod, Zerfall und ewiges Schweigen am Ende.

Kann man das wollen? Oder hilft es, wenn wir uns einen neuen Gott basteln? Überall auf der Welt ist man gerade emsig dabei. Unendlich viele Entwürfe und Modelle für neue Götter werden weltweit gehandelt, und man bedient sich, wo man kann – von Margot Käßmann bis hin zu den Schamanen und Voodoo-Gläubigen. Und wenn man schon nicht mehr gläubig sein kann wie die Väter, will man wenigstens spirituell sein, um nicht der schalen Oberflächlichkeit der materiellen Welt anheimzufallen. Auch christliche Traditionalisten setzen angesichts des zerbröselnden Glaubens an Auferstehung Jesu und Erlösung durch denselben auf eine mittelmäßige, sozusagen entschlackte Kopie: den Islam. Da braucht es keine Gnade und keine Erlösung der ausnahmslos Sündigen. Es gibt keine Erbsünde. Wer sich Allah bedingungslos unterwirft, kann ein ruchloser Halsabschneider sein – er kommt letztendlich ins Paradies. Konvertiten zum Islam geben als Motiv nicht selten dessen „Einfachheit“ an, als sei er eine Religion für Sonderschüler. Keine Trinität, kein zeugender Gott; dort das Paradies für die Gläubigen, da die Hölle für die Ungläubigen. Das häufigste Attribut Allahs im Koran ist „barmherzig“. Was wollen wir mehr!

Und jetzt kommt Sloterdijk, der uns schon das Christentum miesgemacht hat. Christentum und Islam schrieben seiner Meinung nach den „Abenteuerroman des Falschlesens“ – nämlich der jüdischen Ursprungstexte. Die Abenteuerromane (es sind zwei) heißen bekanntlich „Neues Testament“ und „Koran“ und halten sich für etwas Besseres. Im Verlauf des fälschenden Aneignungsprozesses der jüdischen Tradition und ihrer Mythen hätten etwa Paulus und Augustinus „zur Verwirrung, ja Neurotisierung einer Zivilisation“ (der römischen Antike) beigetragen. Der Augustinismus habe „die völlige Unterwerfung unter das Evangelium zur Heilsbedingung gemacht und hierin eine kompakte Antizipation des Islam in die Welt gesetzt“. Es wird noch krasser: „Mit seinem unerbittlichen theologischen Absolutismus übersteigerte der Folgenreichste unter den Kirchenvätern das diabolische Moment in Gott bis zum sakralen Terrorismus“.

Reste dieses Terrorismus finden sich heute noch im Katholizismus, vor allem aber in furchterregender Krudität im politischen Islam. Der wiederum blickt zurück auf eine „Kränkungsgeschichte ohne Ende“, hervorgerufen durch den Aufstieg Europas zur globalen Dominanz. Und den Gekränkten fällt, statt einen eigenen Weg in die Moderne zu suchen, wiederum nur eins ein: Terror und Despotismus. Die Türkei führt diesen Weg zurück gerade modellhaft vor. Die Saudis und andere sind ihn schon gegangen. Mohammed erscheint Sloterdijk noch  als „ein modellgetreuer Nachfahre des Paulus“ – wofür die Anfangserfolge der neuen Religion sprechen, aber, gibt der Autor zu bedenken: „Am islamischen Eiferertum haftet von Anfang an eine gewisse Schwertfrömmigkeit, unterstützt von einer reich garnierten Mystik des Märtyrertums.“ Der Hauptmotor des heutigen Islam liege „in der wachsenden Radikalisierung seiner Jungmännerüberschüsse.“ Deren Attentate seien „mißratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht“. Der Islam befinde sich in einer „theologischen Krise“ und habe einen Anschluß an die „schöpferische Moderne“ nie herstellen können. „Sie produzieren nicht, was sie benutzen; sie generieren nicht, was sie in die Hand nehmen.“ Sie sind nicht nur unkreative Nutznießer, sondern geradezu Parasiten der sie umwerbenden Welt, der sie nichts anzubieten haben als Öl und ihre Religion.

Der Islam mag „klarer“, einfacher, übersichtlicher sein als seine älteren Vettern, aber daß er zu spät kam, gereichte ihm nicht zum Vorteil. Nach anfänglichen rauschhaften Erfolgen versteinerte er in seinem Dogmatismus und seiner rigorosen patriarchalischen Autoritätsgläubigkeit (Sloterdijk: „Extremismus des Gehorchenwollens“) und brachte jene – wie Sloterdijk sie nennt -„religionsneurotischen und klerikopathischen Phänomene“ hervor, mit denen in Gestalt von Terror und autokratischen Systemen sich die Restwelt gegenwärtig herumschlagen muß. Mit Blick auf abendländische religionskritische Autoren faßt Sloterdijk schließlich zusammen, „daß das, was gemeinhin als Glaube ausgeben wird, oft eine Art von Hysterie darstellt“. Freud sprach von einer „Massenneurose“ – und das bezieht sich nicht nur auf den Islam, sondern auf Religion schlechthin und ihre eher wenig segensreichen Wirkungen in der Menschheitsgeschichte.

Nicht nur Sloterdijk in seinem Sudierzimmer muß ohne Religion „Sinn“ und „Hoffnung“ generieren. Vor diese Aufgabe gestellt, verzagen die meisten Menschen. Dies ist es, was die vielbeschworene „Wiederkehr des Religiösen“ ausmacht. So gesehen paßt sie in Merkels Programm der Alternativlosigkeit. Am Ende ist eben „Gott“ so alternativlos wie die Bankenrettung durch den Steuerzahler.

Der DREYZACK zitiert aus den Büchern „Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen“ und „Nach Gott“ von Peter Sloterdijk.   

 

            

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