Wo Links war, ist Rechts geworden

Die aus der DDR stammende Autorin Monika Maron, die kurz vor dem Mauerfall in den Westen wechselte (1988), hat  jüngst einen Text unter der Überschrift „Links bin ich schon lange nicht mehr“ veröffentlicht, ein, wie wir meinen, repräsentatives Dokument, das die gegenwärtigen Nöte vieler undogmatischer und nun heimatloser Linker beschreibt.

Für die meisten dieser Vertriebenen war die Heimat einst die SPD von Schumacher, Ollenhauer und Willy Brandt. Schon dessen Nachfolger, der Weltökonom Helmut Schmidt, ließ bei einigen ein Gefühl des Nicht-mehr-ganz-Dazugehörens aufkommen, und schließlich ließ die Partei Bebels, deren Lehrmeister Marx und Engels gewesen waren, die sozialistische Maske fallen und präsentierte Gerhard Schröder als die repräsentative Gestalt eines deutschen New Labour, den Zwilling von Tony Blair, der mit diesem den Gegenwarts-Raubtier-Kapitalismus zum unabwendbaren Schicksal erklärte. Ihm habe man sich auf Gedeih und Verderb anzupassen, die Kapitalisten und ihre Manager zu belohnen und die abhängig Beschäftigten zu disziplinieren. Es folgte die Agenda Zwanzigzehn, auf die als Erfolgsmodell hinzuweisen die gegenwärtige politische Rechte keine Gelegenheit versäumt. Die Gesellschaft driftete auseinander, während die Steuerquellen sprudelten. Alle, die nicht mehr mitkamen, etwa alleinerziehende Mütter und in Pflegeberufen Tätige etc., wurden zu Verirrten des Systems oder gar zu faulen Säcken erklärt. „Hättet ihr was Vernünftiges gelernt…“ dozierte kürzlich der CDU-Generalsekretär Peter Tauber und streckte die Zunge heraus.

Für jemand wie Monika Maron, die im realexistierenden Sozialismus aufwachsen durfte, hatten die real existierenden Genossen schon soviel Salz in den sozialistischen Wunderbrei geschüttet, daß diese Art on Linkssein nicht mehr in Frage kam. Nur wenige begriffen in letzter Konsequenz, daß „im Osten“ die gesamte schöne linke Idee von einer gerechten und humanen Gesellschaft für den Rest der Tage bis zur Wiederkunft des Herrn zugrunde gerichtet worden war- und zwar mit weltweiten Folgen. Übrig blieb die grausige Karikatur einer sozialistischen Gesellschaft in Nordkorea. Im Kambodscha hatte man zuvor versucht, den sozialistischen Menschen zu schaffen, indem man alle Brillenträger liquidierte. Dann erfand China den sozialistischen Kapitalismus mit wenig menschlichem Gesicht, und Rußland flüchtete zurück in die Arme der Kirche und des autoritären Staates.

In Deutschland entstand die Linke, von der in Marons Aufzählung möglicher Alternativen zu Merkel gar nicht mehr die Rede ist. Wie einst Biermann im Bundestag kann man für die Träumer einer NATO-losen Gesellschaft nur noch sarkastischen Spott oder Mitleid empfinden, gerade weil in ihrer Mitte ein politisch-analytisches Talent blüht, das in keiner der Konkurrenz-Parteien anzutreffen ist: Sarah Wagenknecht. Sie hat ihren Marx, ihren Hegel, auch ihren Kant gelesen und weiß die so entwickelten analytischen Instrumente auf den heutigen Kapitalismus anzuwenden. Aber dabei muß es auch bleiben. Wäre sie so ehrlich, wie sie als Wissenschaftlerin sein müßte, als Politikerin aber nicht sein darf, wäre eine Bankrotterklärung fällig: der Kapitalismus geht nicht, wie Marx erwartete, krisenkrampfgeschüttelt in den Kommunismus über, sondern seine Krisen werden die Lebensgrundlagen auf dem Planeten zerstören. In Donald Trump ist der erste Repräsentant und Regisseur dieser finalen Krise auf die Bühne getreten. Er kümmert sich nicht um Wagenknechts messerscharfe Analysen, sondern lebt in einer alternativfaktischen Wirklichkeit wie nur ein Kreationist. Er umgibt sich mit Leuten, die an die flache Erde glauben und deshalb keine Schiffe bauen, weil die über den Rand fallen könnten.

Ganz anders als Trump, aber im Geiste der gleichen Realitätsvergessenheit glauben auch deutsche Politiker, der Islam sei eine Religion für brave Leute, wie sie mit türkischen Wurzeln unter uns wohnen wie das „Wort“ im Johannesevangelium. Sie glauben, weil die Masse dieser Muslime unter uns so wenig Ahnung von ihrer Religion hat wie die Steuerchristen von ihrer, der Islam sei ähnlich harmlos wie das in den Aufklärungs-Jahrhunderten  gezähmte Christentum, das zwar noch in seiner katholischen Variante Exorzisten ausbildet, aber keinen einzigen Märtyrer als Suizid-Bomber mehr zustande brächte. Das nun ist der Unterschied, und Monika Maron hat ihn verstanden. Sie wehrt sich dagegen, die vor allem männlichen Gläubigen, die unsortiert über die Grenzen strömten, insgesamt für nützliche Retter vor der demographischen Katastrophe zu halten. Die meisten von ihnen haben aber von ihren Imamen gelernt, daß sich Frauen verschleiern müssen, um den Stachel im rechtgläubigen Mann nicht allzu sehr zu locken und daß die, die ihr Fleisch ein wenig entblößen, Huren sind. Sie bekennt ihre „Angst“ vor dem Islam und wehrt sich vehement gegen die Unterstellung,  diese Angst sei „phobisch“, also krankhaft, der Realität nicht angemessen.

Die Rede von der „Islamophobie“ wie vom „Rassismus“ ist wie keine andere geeignet, aus „Linken“ „Rechte“ zu machen. Darin geübt sind vor allem die Grünen. Ihre Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt Seite an Seite mit der Kanzlerin, die Theologin neben der Pastorentochter – dies wäre für Maron der „größte anzunehmende Wahlunfall“. Mit dem Wahrheitsanspruch von Offenbarungsgläubigen vertreten die Grünen die „Willkommenskultur“, die schon vor dem Kölner Hauptbahnhof ihr Scheitern in jener Silvesternacht demonstriert bekam. Als sich in der nächsten Silvesternacht die Ereignisse zu wiederholen drohten, beschimpfte die Grüne Simone Peter jene Polizisten, die das verhinderten, prompt als „Rassisten“. Es scheint so, als hätte dieses Bekenntnis zu einem Fanatismus des Humanismus um jeden Preis die Wahlchancen der Grünen so weit gemindert, daß der Maron’sche Alptraum wohl nicht Wirklichkeit werden wird, dafür aber die Neuauflage von Schwarz Gelb und damit die fröhliche Wiederkunft einer Politik des alternativlosen Neoliberalismus.

Es gibt aber, so wird deutlich, für Linke keine Alternative zur politischen Heimatlosigkeit. Daß Monika Maron nicht allein ist und daß die Sympathien des DREYZACK bei ihr sind, wird sie nicht trösten.

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