Die gärtnernden Böcke der Kirche

Der Papst hat soeben einen neuen Großinquisitor ernannt als Nachfolger des gestrengen deutschen Traditionsbewahrers Gerhard Ludwig Müller: Luis Ladaria – Spanier und „gemäßigt konservativ“, wie es heißt. Die Glaubenskongregation, der er nun vorsitzen wird, ist auch damit beschäftigt, die Mißbrauchsfälle innerhalb der Kirche aufzuklären. Kürzlich verließ die Irin Marie Collins enttäuscht und verärgert die Kinderschutzkommission innerhalb der Kongregation, weil sie sich in ihrer Aufklärungs-Arbeit nicht nur nicht unterstützt, sondern nachgerade behindert sah. Damals war noch Müller ihr Chef.  Und jetzt kommt Ladaria – und alles wird besser?

Der Umgang der katholischen Kirche mit ihren klerikalen Unholden (vulgo: „Kinderficker“), die „das von Paulus und Augustinus vorgeprägte sexualneurotische Erbe des Christentums“ (Peter Sloterdijk) heute zur Schande der Institution repräsentieren, erinnert nicht zufällig an den Umgang der deutschen Nachkriegsjustiz mit den Nazi-Mördern. Die Nachsicht und Blindheit, die für die damaligen Urteile so typisch wie erhellend waren, begegnen auch im Umgang der Kirche mit ihren Sündern im Fleische. Man zeigt nicht nur barmherziges Verständnis für die Verfehlungen, man möchte auch den Gläubigen keinen Anlaß zum Zweifel am göttlichen Auftrag der Kirche und des Nachfolgers Christi auf dem Stuhl Petri liefern. Sie würden ja eh nicht verstehen, wieso der Mensch der Sünde nicht entkommen kann, und diese armen Teufel nun sind besonders gemein vom Teufel selbst, an den der Papst ja glaubt, verführt wurden.

Luis Ladaria nun, berufen zur Aufklärung der nur vom Teufel zu verantwortenden Unzüchtigkeiten, ist aber einer von jenen Böcken, sogar der Oberbock aus der Herde jener, die im kirchlichen Garten das Unkraut jäten sollen. Sein Verständnis für dieses Geschäft hat er 2012 bekundet, als er den Serien-Kinderficker Giovanni T., einen Priester, zwar in den Laienstand versetzte, eine weitere gerichtliche Verfolgung aber nach vertrautem Muster blockierte. Der Fall – so die Begründung für die Barmherzigkeit – könne nämlich einen „Skandal unter den Gläubigen auslösen“.

Wie das? Wäre es skandalös gewesen, den abwegigen Priester zu benennen und zu verurteilen oder aber ihn in die anonyme Laien-Existenz zu entlassen, wo er dann prompt weiterhin im Dienste Satans sich an Kindern vergriff? Immer wieder verhält sich die katholische Kirche wie die drei berühmten Affen, ohne zu bemerken, daß der Zustimmungs-Schwund unter den Gläubigen nicht nur auf die inquisitorischen Einmischungen ins Privatleben (wir erinnern an „Pillen-Paule“), sondern auch auf die unübersehbare Diskrepanz zwischen frommer Botschaft und unfrommem Handeln zurückzuführen ist. Die Geschichte des Vatikan läßt sich ohne die Orgien und Verbrechen der Renaissance-Päpste, die ja u.a. die Reformation initiiert haben, nicht schreiben; und wenn in den letzten Jahrzehnten nicht nur im kirchlichen Kellergeschoß Unzucht und Verbrechen wieder mit dem Verständnis und der Barmherzigkeit der eigentlich zu Richtern Berufenen, also auch Kardinal Ladaria. rechnen können, müßte langsam klar werden, daß es ein ganz anderer Skandal ist, der die Gläubigen verstört als der, von einem Priester zu hören, daß er seiner Sexualneurose zum Opfer gefallen ist, die zudem noch dogmatisch induziert war.

Irgendwie ahnt die Kirche diese Zusammenhänge (an Eugen Drewermann wäre zu erinnern), aber es fällt ihr unendlich schwer, sich öffentlich dazu zu bekennen und Konsequenzen zu ziehen, indem sie den Zölibat abschafft und die Männerorganisation à la dekadenter Gralsgemeinschaft weiblichem Einfluß öffnet, um sich selbst zu vermenschlichen. Allen männerbündischen Vereinigungen inhärent ist die Tendenz zur Frauenverachtung und auch zur Gewalt. Die Zeugnisse dieses Befundes lassen sich nicht verbergen – und wenn sie Skandale hervorrufen, dient das nur der Wahrheit.

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