Ehe für alle…

…die „Ehe für alle“ möglich wird, müßte man einige Begriffe und Bedeutungen im Gespräch aller mit allen klären. Indem nämlich die „Home-Ehe“ zur „Ehe für alle“ aufgeblasen wurde, öffneten sich Schleusen für Bedenkenträger und Satiriker aller Flügel – etwa: ob Geschwister die sich lieben, heiraten dürfen, Söhne ihrer Mutter endlich das Eheversprechen abgeben können, wenn Papa tot ist, ob der geliebte Kater oder Bello, um sein Erbe sicherzustellen, auch zu „allen“ gehört, weil Frauchen ihn mehr liebte als alle Menschen… Man sieht, der Begriff taugt höchstens dazu, das sinnvolle Projekt lächerlich zu machen.

Seriöserweise kann es – so scheint es auf den ersten Blick – nur um die Ehe von homosexuellen Paaren gehen und um die mit der Trauungsurkunde verbundenen Rechte und Pflichten. Aber immer geht es anscheinend, das suggerieren sowohl Verfechter wie Gegner, um zwei (2) Menschen, auch wenn manchmal schon die Ehe zu dritt ins Spiel gebracht wurde. Dagegen bringt wie gehabt die katholische Kirche das Naturrecht in Stellung und behauptet, der Schöpfer habe den Menschen als Mann und Weib geschaffen, damit der Mensch fruchtbar sei und sich mehre (Genesis 1, 27f), . Ehe hat demnach primär also weniger mit Liebe zu tun als mit Reproduktion. Da war auch Kant mit dem Papst einer Meinung. Und die Ehe samt Treuegebot vor allem für die Frau soll verhindern, daß dem Mann Kuckuckseier ins Nest gelegt  werden, für deren Wohlergehen und Ernährung er dann im Schweiße seines Angesichts (Genesis 3, 19) arbeiten müßte. In diesem Zusammenhang muß auch angemerkt werden, daß der Islam, der bekanntlich zu Deutschland gehört, die Ehe zu maximal fünft erlaubt. Ist das „unnatürlich“, gar „unmenschlich“, zumindest frauenverachtend? Und wenn ja, was machen wir dann mit dem Zu-Deutschland-Gehören?

Im christlichen Abendland jedoch, auf der Basis der gewichtigen biblischen Quellen, glaubt nun die katholische Kirche und glauben wertkonservative Menschen unterscheiden zu können zwischen dem „Natürlichen“ und dem „Unnatürlichen“. Natur war immer, ist also – denken sie – -zeitlos. Ihre Gesetze gelten ewig. Nur Bösewichter mit zerstörerischen Ambitionen können also davon ausgehen, daß auch Liebespaare, denen es nicht um Fortpflanzung geht, einen „natürlichen“ geschlechtlichen Umgang pflegen können. Lange hat sich auch im demokratischen und christlichen Deutschland diese Überzeugung gehalten und entsprechende Gesetze in die Welt gesetzt, um Homosexuelle zu kriminalisieren und als „widernatürlich“ zu diskriminieren. Daran, daß sich auf diesem Feld bis zur letzten Bundestagsabstimmung viel geändert hat, könnte man erkennen, daß es mit der unveränderlichen Natur und ihrem Recht so einfach nicht ist.

Dem Soziologen und Systemtheoretiker Niklas Luhmann zufolge sind „die Voraussetzungen eines naturrechtlichen Gerechtigkeitsbegriffs entfallen“. Daraus folgt: „Es gibt keinen Schluß von ’naturgemäß‘ auf ‚gerecht‘, wie er implizit der naturrechtlichen Tradition zugrunde gelegen hatte“ („Das Recht der Gesellschaft“, 1993). Und man muß noch weiter gehen: Daß die „Natur“ in der „Naturgeschichte“ einem unaufhörlichen sie verändernden Prozeß ausgeliefert ist, gilt auch für die menschliche „Natur“. Die menschliche Naturgeschichte – das wußte schon Karl Marx – ist eben die Geschichte. Wer nur ein paar Jahrzehnte lebt, begreift, wie schnell und sogar grundlegend „natürliche“ Normen, etwa das Geschlechterbild (und nicht nur dies) , sich wandeln können.

Einen geradezu revolutionären Schritt vollzog Judith Butler, indem sie sogar die (sexuelle) Anatomie der Geschlechter einem steten gesellschaftlichen Wandel unterworfen sah. Klarmachen kann man sich dies am Wandel in der Bewertung des bzw. am Wissen um den weiblichen Orgasmus.  In Phasen des britischen Puritanismus etwa wurde die Orgasmusfähigkeit der Frau schlicht geleugnet. Entsprechend gestaltete sich die Bewertung der Frauen selbst, die Quellen ihrer unreinen Lust (Klitoris etc.) betreffend. Die Vulva wurde „schmutzig“ und entsprechend lieblos behandelt, auch von der Ärzten. Nancy Friday (Jahrgang 1933) beschreibt in ihrem Buch „Die Macht der Schönheit“, wie sie von ihrer Mutter lernte, daß ihre Genitalien häßlich und unakzeptabel seien, nicht mehr als eine „Kloake“ und daß „dieser ererbte Mangel der ‚Kloake‘ noch immer in mir existiert“. Das schmutzige Genital dient dann höchstens nur noch der Reproduktion, Sex wird, wie im Islam, zum ehelichen Gewaltakt und verändert seine „Natur“ grundlegend. Die Geschichte der christlichen Kirchen, schon der heiligen Schriften selbst, bietet unendlich viele Belege etwa für die Dämonisierung des (Menstruations)-Blutes bis zur geschlechtslosen „Reinheit“ der Gottesmutter – viele Beispiele, wie „Natur“ in anhaltenden Prozessen von den Menschen produziert wird, die glauben, sie stamme vom Schöpfer und sei ewig.

Noch einmal: Es gibt keine „menschliche Natur“ – es gibt nur Geschichte. Etwa eine Geschichte der Ehe und des Sex. Auch diese Erkenntnis verdanken wir Darwin.

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