Nach „Achtundsechzig“

Man begegnet heute nicht selten Menschen, die sich als Opfer der Achtundsechziger verstehen. Der prominenteste ist vielleicht der französische Autor Michel Houellebecq, Jahrgang 1958. In seinem Roman „Elementarteilchen“ beschreibt er das Schicksal zweier Brüder, die Opfer der Emanzipations- und Selbstfindungsbestrebungen ihrer Mutter sind. „Die Mutterschaft, so meinte sie, gehörte zu den Erfahrungen, die eine Frau machen mußte. Das Aufziehen eines kleinen Kindes schien bald unvereinbar mit dem Ideal der persönlichen Freiheit.“ Dergleichen Vorwürfe wurden gegen Väter seltener erhoben. Dahinter steht der „natürliche“ Gedanke, Mütter hätten sich eher zu opfern als Opfer zu erzeugen. Und es steht dahinter der implizite Vorwurf, die Achtundsechziger hätten die natürliche Ordnung durch – wie es die AfD später beklagte – „Genderitis“ durcheinandergebracht. Diesen Vorwurf hört man heute nicht nur aus AfD-nahen Kreisen.

Einer, der die linken Systemzerstörer haßte, war auch der gestorbene Liberale Guido Westerwelle. Er hatte vergessen, wem er verdankte, daß er sein Schwulsein öffentlich bekennen konnte und nicht im 175er Knast der Adenauerzeit landete. Auch all die Paare, die heute, wie Frauke Petry und Marcus Pretzell, in Patchwork-Familien leben, haben zumeist vergessen, daß sie die Aufweichung der starren patriarchalen Familienformen „Achtundsechzig“ verdanken. Auch die Paare, die unvermählt eine Mietwohnung beziehen oder ein Hotelzimmer buchen können, haben vergessen, daß es vor 68 eine strenge moralische Kontrolle von „Unzucht“ und „Kuppelei“ gab, der katholischen Morallehre und dem Puritanismus der Protestanten geschuldet. Die Kirchen ächteten auch gemeinsam mit der Gesellschaft ledige Mütter und ihre Kinder. „Unehelich“ war ein Stigma mit schlimmen Folgen für die Lebensplanung.

Wer sie damals erlebte, kann bezeugen, daß die Zeit vor „Achtundsechzig“ so bigott, verheuchelt und verklemmt, so verlogen und scheinheilig war, wie sie in späteren Analysen beschrieben und in Filmen dargestellt wurde. Postnazismus, Kapitalismus und christliches Erbe hatten sich in einer bedrückenden Weise miteinander versöhnt. Wirklich entfremdet hatten sich die meisten Christen in der Nazi-Zeit auch nicht gefühlt. Ohne Krieg hätte sie sich gut ertragen lassen, zumal wenn die Juden, die „Gottesmörder“, wie man sie damals noch beschimpfte, nicht mehr gestört hätten. Wo die Macht der systemtreuen Kleriker in Europa nach dem Krieg nicht eingedämmt wurde, entstanden langfristig polnische oder italienische Verhältnisse. Auch davor bewahrte uns „Achtundsechzig“. Sogar die Kanzlerin, die vor längerer Zeit ihr Unverständnis darüber ausgedrückt hatte, daß die Studenten damals rebellierten, wo im Westen (von ihrem Osten aus gesehen) doch alles so wunderbar funktionierte, hat unterdessen klammheimlich viele Elemente des linken Denkens übernommen.

Für die gegenwärtige Teilung der Gesellschaft in 68er-Hasser und -Bekenner gibt es wieder mal in Adornos Theorie eine Erklärung. Wer nicht leidet, erkennt nicht. Wer die Welt fraglos hinnimmt, wie sie ist, ob unter Kaiser Wilhelm, Hitler, Adenauer, will sie auch nicht verändern. Das Leiden an ihr entspringt dem Bedürfnis nach Freiheit auch der Gedanken und der (im Zweifel schwulen oder lesbischen oder sonstwie alternativen) Lebensentwürfe. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hatte dafür die lakonische Formel: Was man nicht sehen kann, kann man nicht sehen. Die Natur hat uns zu unserem Schutz mit reichlich blinden Flecken ausgestattet; so sehen wir nicht, was wir nicht sehen können, obwohl es sichtbar ist. Mit dem Riechen ist es ähnlich. Vor 50 Jahren stank die deutsche Welt in den Nasen der einen nach verfaulender Geschichte unter flüchtig bedeckten  Leichenbergen, für die anderen roch sie  nach den weißer-als-weiß Hemden und Schürzen der Reklame, die glückliche Hausfrauen gegen den blauen Himmel flattern ließen und die nach Lavendel oder ähnlichem rochen.

1944 hatte Adorno noch im amerikanischen Exil notiert: „Der Gedanke, daß nach diesem Krieg das Leben ’normal‘ weitergehen oder gar die Kultur ‚wiederaufgebaut‘ werden könnte, ist idiotisch. Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?“ – Sie wartete auf nichts weniger als auf eine Revolution, und die Achtundsechziger glaubten womöglich, deren Subjekt zu sein.

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Eine Antwort zu Nach „Achtundsechzig“

  1. Mark Sebastian schreibt:

    Vielen Dank für die Artikelreihe zu 68!
    Ich selbst bin Jahrgang 1961, habe also die „bleierne Zeit“ nicht selbst miterlebt. Stattdessen hat sich mein politisches Bewusstsein zu einer Zeit entwickelt, als das Gedankengut der 68er unter jungen Erwachsenen Mainstream war. Vieles hat mir damals eingeleuchtet oder war mir von Anfang an selbstverständlich. Die Frankfurter Schule fand ich allerdings zu idealistisch. Und undemokratische Tendenzen unter Linken habe ich an der Uni auch außerhalb der radikalen Szene erleben müssen. Dennoch teile ich bis heute die meisten aus jener Zeit stammenden Werte. Deren Negation durch die europaweit erstarkende Rechte beobachte ich mit Unverständnis und wachsender Sorge. Wenn an der Entpolitisierung der jungen Menschen, von der immer wieder berichtet wird, etwas dran ist, dann dürfte diese Sorge berechtigt sein. Dann wächst das für die Rechten frei zu bestellende Feld immer weiter. Der Blog-Autor hat jedenfalls sehr deutlich gemacht, dass die meisten wohl kaum auf die Errungenschaften aus jener Zeit verzichten möchten. Das sollte immer wieder gesagt werden, weil sie durchaus nicht selbstverständlich sind, auch heute nicht.

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