„Achtundsechzig“ (III)

Manche von Adornos Diagnosen hatten wahrhaft prophetischen Charakter, etwa wenn er 1966 der Verdacht für „wohl begründet“ hielt, „daß das autoritäre Potential nach wie vor weit stärker ist, als man denken sollte“. Und er forderte als „einzig wahre Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz“, Kant als Bürgen nennend: „Autonomie, die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“. Auch dieses Prinzip verinnerlichte die Studentenbewegung und ihre Ableger.

Aber da gab es doch, jenseits des Eisernen Vorhangs, eine alternative Auslegung des Marxismus, die eben jene Autonomie fürchtete. Sie nannte sich „real existierender Sozialismus“. Dort verlangte man das bedingungslose Mitmachen und den Verzicht auf Kritik und autonomes Denken. Die Vorhut der Arbeiterklasse, die Partei, gab vor, was zu denken sei. Stalins Prozesse hatten deutlich gemacht, wie mit Abweichlern umzugehen sei, nämlich wie die Inquisition mit den Ketzern. Sogar Denker wie Bloch und Sartre glaubten eine Weile, Stalins Terror als Erscheinungsform der Diktatur des Proletariats vereidigen zu müssen, um die Konterrevolution im Keim zu ersticken. Daß dabei im Fahrwasser Lenins Marxens Gedanken scheußlich verhunzt wurden (so ähnlich drückte sich Adorno immer wieder aus), kümmerte die Philosophen-Kollegen nicht. Sie waren fromm geworden, weil der Marxismus sich in eine dogmatische Religion verwandelt hatte mit Blochs „Geist der Utopie“ als Vetter des Heiligen Geistes..

Auch für die Studentenbewegung war hier die Möglichkeit zum Dissens greifbar nahe – und sie wurde ergriffen. Wie einem Naturgesetz folgend spaltete man sich in diverse Flügel: die einen wurden, um es grob zu vereinfachen, orthodox-autoritäre Leninisten, bildeten sich in K(apital-Lese)-Gruppen wie in Koranschulen weiter, besuchten die DDR und fanden alles dort prima (nur die Fassaden könnten bunter sein, befand einer der West-Besucher). Die anderen, spätestens nach dem Einmarsch des Warschauer Pakts in die CSSR (August 1968), blieben auf der linkshegelianischen Adorno-Schiene, bekannten sich weiter zur Demokratie, und einige von ihnen entdeckten die ökologische Problematik. Und wieder andere suchten ihr Heil in der Anarchie und wurden – Mörder der Kategorie „mitleidlos“. Sie waren im Besitz der absoluten Wahrheit und des unbezweifelbaren Rechts und hatten, wie die heutigen religiös angeheizten Terroristen, von irgendeinem Gott die Lizenz zum Töten. Heute bekämpfen sie die „Ungläubigen“, damals den „Schweinestaat“.

Die Muster wiederholen sich. Das Religiöswerden einer ursprünglich politisch-philosophischen Bewegung, die sich einmal „kritische Theorie“ nannte, vollzieht sich quasi naturgesetzlich.. Dazu bedarf es keines einzelnen Stifters. Sogar bei Adorno, dem manche nachsagen, er sei ein negativer Theologe gewesen, gibt es den  „Stern der Hoffnung“, von dem in Beethovens Fidelio unter Anrufung Gottes die Rede ist. Solche Sterne, könnte man meinen, trüben letztlich den Blick und unterminieren die Unbestechlichkeit des Denkens. Auch daß sie sich korrumpieren ließ wie der Spät-Achtundsechziger Gerhard Schröder und wie die Neu-Stalinisten in DKP und KPDML und ähnlichen Sekten,  bewirkte nicht allein das Ende der Bewegung, sondern verwischte auch die Spuren ihres kritischen Denkens, von denen man im ZEIT-Dossier nur noch die Sehnsucht nach Italien findet. .

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