„Achtundsechzig“ (II)

Was den braven Bürgern der Sechziger am Treiben der jungen Revoluzzer am meisten sowohl irritiere wie sie zu neugierigen Voyeuren machte, war das neuartige Treiben zwischen den Geschlechtern, die sog. „sexuelle Revolution„, die, von der kalifornischen Hippie-Bewegung inspiriert, durch die Pille erst ermöglicht und Anfang der 80er durch AIDS abrupt gebremst wurde, was zu einer heute als selbstverständlich hingenommenen „Kondomisierung“ des Sex führte. Unter diesen Vorzeichen ging die sexuelle Revolution weiter, und heute sind es die muslimischen Migranten, die sowohl verwirrt und ängstlich wie aggressiv der westlichen Freiheit gegenüberstehen wie damals die braven Spießer. In „Köln“ konnten wir es beobachten.

Was aber hatte der Sex mit der Revolte zu tun? Hatte Adorno noch 1963 konstatiert: „Die Sexualtabus sind gegenwärtig stärker als alle anderen, selbst die politischen. Die Tabus inmitten des Scheins der Freiheit lassen aber vor allem darum nicht mit sich spaßen, weil niemand mehr ganz an sie glaubt, während sie doch zugleich vom Unbewußten der Individuen und von den institutionellen Mächten befestigt werden“, so machten sich nun die Revoluzzer, aufgeklärt durch Adorno, Marcuse und Genossen, daran, das Unbewußte aufzuhellen und den Institutionen den Marsch zu blasen. Dabei benutzten sie ihr heiliges Buch, wie jede neue Glaubensrichtung eins braucht, als Kampfanweisung für ihren Dschihad. Der Autor des Buches, das den programmatischen Titel „Die sexuelle Revolution“ trug und schon seit den 30er Jahren existierte, war der Psychoanalytiker Wilhelm Reich.

Reich ging weit über Freud hinaus, indem er das politische und gesellschaftliche System in seine Theorie einbezog und zu folgenden Schlüssen kam: „Es gibt keine angeborene Triebstruktur; diese Struktur wird im Laufe der ersten Lebensjahre erworben. Durch die Einwirkung der Sexualunterdrückung entsteht die Struktur des Untertanen, der gleichzeitig sklavisch gehorcht und rebelliert. Die Unterdrückung des kindlichen und jugendlichen Liebeslebens hat sich als der Kernmechanismus der Erzeugung von hörigen Untertanen und ökonomischer Sklaven erwiesen. Die Menschen werden ihr Schicksal nicht selber meistern können, solange sie sich nicht ihres eigenen bescheidenen, persönlichen Lebens bewußt werden. Die inneren Mächte, die sie daran hindern, heißen: Sexualmoral und religiöser Mystizismus.“

Von der neuen nachrevolutionären Moral forderte Reich, „die moralische Regulierung überflüssig zu machen und die Selbstregulierung des gesellschaftlichen Lebens herzustellen“. Konsequent forderte Reich „die Ablösung der patriarchalisch-autoritären durch die natürliche Familienform“. Diese setzte die wirkliche Gleichberechtigung der Geschlechter und eine antiautoritäre Erziehung voraus. Beidem versuchten die 68er mit gemischten Erfolg zu entsprechen. Die Kinderladenbewegung war die erste praktische Konsequenz ihrer Einsichten, die Frauenbewegung die zweite. Bei dieser aber zeigte sich vor allem, wie tief das Patriarchen-Muster in den Hirnen der selbsternannten Umkehrer aller Werte eingebrannt war. Folgerichtig entstand Mitte der 70er eine „Männerbewegung“ mit dem Ziel, die weiblichen Anteile am Mann weniger zu unterdrücken, die patriarchalen dafür um so mehr.

Heute gilt in weiten Kreisen die Einschätzung, daß die Antiautoritären gescheitert seien und daß die Frauenbewegung sich gerade durch das Einsickern muslimischer Geschlechterbilder einer neuen Herausforderung gegenübersehe. Das Scheitern der sog. „antiautoritären Erziehung“ in toto kann nur bei oberflächlicher Beobachtung zugegeben werden. Insgesamt ist die Gesellschaft nach dem Motto Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen“ demokratischer geworden. Allerdings ist die Reaktion darauf schon jetzt die Sehnsucht nach der alten Welt der autoritären Strukturen, wie sie nicht nur bei der AfD, sondern auch in vielen katholisch-reaktionären Milieus anzutreffen ist, wo heute noch von den Töchtern Jungfräulichkeit bis zur Ehe gefordert wird.

Insgesamt wäre vielleicht im nachhinein festzuhalten, daß das Menschenbild von „Achtundsechzig“ wie bei allen utopischen Entwürfen zu positiv, zu blauäugig war. Eine gehörige Portion Skepsis und eine durchdachtere Theorie im Geiste Adornos hätte vielleicht einige Fehlentwicklungen (RAF etc.) verhindern können. So schrieb Adorno kurz vor seinem Tod 1969, indem er auf Vorwürfe der Praxisferne durch die Studenten reagierte: „Aktionismus ist regressiv. Wird der Begriff (das Denken) fortgeworfen, so werden Züge sichtbar wie die einseitige, in Terror ausartende Solidarität.“ Das klingt ausgesprochen aktuell.

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4 Antworten zu „Achtundsechzig“ (II)

  1. Said schreibt:

    In wie fern ist die antiautoritäre Erziehung denn nicht gescheitert? Die Folge war eine nie dagewesene Welle von depressiven Jugendlichen in 80er/90ern, die jetzt Eltern sind und wegen mangelnden Antriebs ihren Kindern kein echtes Gegenüber bieten. Die resultierenden ADHS-Symptome müssen wir nun an breiter Front bekämpfen.

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  2. neptun16 schreibt:

    Möglicherweise kann nur jemand, der das gesellschaftliche Klima, also den Umgang der Hierarchien (Eltern-Kinder, Lehrende-Lernende, Männer-Frauen etc.) miteinander in beiden „Zeitaltern“ kennt, verstehen, was dazugewonnen oder auch was verloren wurde. Mit der Formel „mehr Demokratie“ ist die Öffnung der Gesellschaft, der Diskurse gemeint. Die Ansicht, daß Eltern wegen „mangelndes Antriebs“ ihren Kindern „kein echtes Gegenüber“ bieten, scheint mir gefährlich nahe am beschriebenen Weg zurück in die autoritäre Vatergesellschaft, wo der Patriarch sowohl seinem Weib als auch seinen Kindern ein „echtes Gegenüber“ war. Ebenso der Lehrer mit dem Rohrstok seinen strammstehenden Schülern beim Turnunterricht. Der kasernenplatz ist der Ort des „echten Gegenüber“. Aus dem Ruder gelaufen ist aber die antiautoritäre Erziehung, indem sie den Menschen zutraute, autonom im Urteil ohne Tabus leben zu können (Man lese dazu den Essay „Brauchen wir Tabus?“ von HP Horn). Es geht wie immer ums Menschenbild, und das ist in der Regel von blinden Flecken geprägt..

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    • Said schreibt:

      Dass dabei etwas dazu gewonnen wurde, möchte ich gar nicht bestreiten. Vielmehr wollte ich darauf hinweisen, dass das Scheitern nicht nur an der Oberfläche zu worden ist. Aus heutiger Sicht kann man, so glaube ich, festhalten, dass die kulturelle Einstellung von einem Extrem in das andere geschwenkt ist. Durch das Perpetuieren von Gegensätzen entsteht Entwicklung.

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