„Achtundsechzig“ (I)

Benno Ohnesorg wurde erschossen. Das war vor genau 50 Jahren, im Juni 1967. Achtundsechzig war die Folge. Warum Achtundsechzig? Im April 1968 schoß Josef Bachmann auf Rudi Dutschke und tötete ihn fast. Der Sturm brach los. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Paris, wo Daniel Cohn-Bendit die rote Fahne schwenkte.

So erzählt es der Mythos. Die 18/19 Jahre zuvor gegründete Bundesrepublik hat viele Mythen hervorgebracht – „Adenauer“ etwa, das „Wirtschaftswunder“ oder das „Wunder von Bern“. Am nachhaltigsten aber bestimmte der Mythos von „Achtundsechzig“ die darauf folgenden Jahrzehnte. Bis heute, auch wenn angeblich „geschichtsvergessene“ Jugend-Generationen davon wenig oder nichts mehr wissen.

Die ZEIT bemühte sich kürzlich in einem Dossier, diese Gedächtnislücke zu füllen. Wenig überzeugend. Die Zeitung befragte etwa den Psychoanalytiker Schmidbauer (76 Jahre alt), der von einer „Vision“ der 68er erzählt, die „Italien“ geheißen habe. „Wir dachten, in Italien ist alles leichter, schöner, intensiver.“  Hä? Waren das nicht die Adenauer-Spießer, die in den 60ern mit dem Gogomobil  oder dem Käfer an den Gardasee fuhren? Oder verwechselt Schmidbauer die 68er mit der Toskana-Fraktion der SPD aus den 90ern? Andere wie Thomas Ebermann, Mitbegründer der Grünen, wurde von Bob Dylan zur Revolution inspiriert. Dylan – nicht Marx und Marcuse? War wohl für Ebermann zu anstrengend. Das Dossier, immerhin in einer Zeitung für die gebildeten Stände, bemüht sich gar nicht um geistige, historische Wurzeln der Bewegung und gleicht sich damit dem Fernsehen an, wo schon jede Ironie als Intelligenz-überfordernd betrachtet wird. Diese ZEIT-Lektüre kann man sich sparen, wenn man verstehen will, was in den Köpfen derer vorging, die über das auch nachdachten, was sie vorfanden und was sie verändern wollten. Im Abstand von 50 Jahren aber wäre es an der Zeit, etwas Archäologie zu betreiben, um Fundamente freizulegen.

Dabei stößt man etwa auf den Philosophen Theodor W. Adorno. Von ihm stammt die berühmte Formel „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Diese Formel hat manch einen wütend gemacht, denn wer könne einem vorschreiben, was „richtiges Leben“ sei, zumal, wenn es sich um das eigene Leben handelt? Nun, man kann zur Idee des „richtigen Lebens“ nur durchstoßen, wenn man das „falsche“, in dem man möglicherweise lebt und dies auch spürt, gründlich analysiert hat. Dies versuchte Adorno, nachdem er aus dem amerikanischen Exil 1949 in die Bundesrepublik zurückgekehrt war. Jene aber, die da das „Falsche“ in der Nachkriegsgesellschaft, die ja eine offenkundig postfaschistische Gesellschaft war, spürten, fanden bei Adorno die Worte und Denkfiguren, mit deren Hilfe sie ihr Unbehagen artikulieren konnten. Das Unbehagen stammte sowohl aus der unbewältigten Hitlerei wie aus dem katholischen Patriarchalismus Adenauers. Alles schien zu stocken, und die Luft wurde dicker, je länger der Patriarch regierte. Von einer „bleiernen Zeit“ sprach man später oder, wie die Mitscherlichs, von der Unfähigkeit der Deutschen, angesichts des von ihnen zu verantwortenden unsäglichen Grauens zu „trauern“. Wenigstens das.

1959 hielt Adorno einen Vortrag unter dem Titel: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“.  Er beschrieb aber nicht eine „Aufarbeitung“, sondern die Tatsache, daß in der jungen Wirtschaftswunderwelt gerade niemand an „Aufarbeitung“ dachte. Die daraus folgenden Überlegungen bildeten sozusagen einen Grundstock der fast 10 Jahre später sich formierenden Revolte. U.a. heißt es in dem Vortrag: „Man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erinnerung wegwischen. Der Gestus, es solle alles vergeben und vergessen sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die das Unrecht begingen. Die furchtbar reale Vergangenheit wird verharmlost zur bloßen Einbildung jener, die sich davon betroffen fühlen. Die Ermordeten sollen noch um das einzige betrogen werden, was unsere Ohnmacht ihnen schenken kann: das Gedächtnis.“

Wer noch einen Rest-Sinn für Gerechtigkeit hatte, mußte wütend werden angesichts der milden Urteile und Freisprüche für die Mörder und Handlanger. Sie saßen nicht nur als Lehrer und Professoren auf den Kathedern und auf den Richterstühlen, sondern in Adenauers Büro höchstselbst. Einer von den Handlangern, Kiesinger, wurde später sogar Bundeskanzler. Sie saßen auf ihren alten kapitalistischen Pfründen in der schönen neuen Krupp- und Siemenswelt und wurden wieder reich wie vormals und hatten von nichts gewußt. Eine tiefhängende Wolkendecke aus Heuchelei, Duckmäusertum und Selbstbelügung lag über dem jungen Staat. Und es gab erstaunlich viele Leute, die da keine Atembeschwerden bekamen.

Und es gab damals schon die Jörg Meuthens und Frauke Petrys. Schon 1949 warnte Adorno vor ihnen: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“ Die Adenauer-Republik war so „versifft“, nämlich schwarz-gelb, wie Meuthen den Staat nach 68 als „rot-grün versifft“ denunzierte. Auch die Argumentationsmuster eines Björn Höcke hatte Adorno schon wahrgenommen bei denen, die gegenrechneten (Auschwitz gegen Dresden) oder abwiegelten: „Es fällt schwer zu begreifen, daß Menschen sich nicht des Arguments schämen, es seien doch höchstens nur fünf Millionen Juden und nicht sechs vergast worden.“

Die AfD begreift sich heute als „Konterrevolution“ gegen „Achtundsechzig“. Sie will zurück ins schöne Adenauer-Kinderland. Sie will die Unschuld und Größe des „deutschen Volkes“ wiederherstellen, so wie Trump Amerika wieder „great“ machen will. Unter alldem brodelt der Wunsch nach der autoritären Gesellschaft, der nie ganz verstummen wollte. Auch gegen diesen Wunsch machten die Achtundsechziger mobil.

Wird fortgesetzt.

 

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