Der „ausgedachte“ Gott und die „Leitkultur“

Der englische Cambridge-Philosoph und -Theologe Don Cupitt, einer, den man als „radikalen“ Theologen oder „säkularen Christen“ hat charakterisieren wollen, brachte in seinem Buch „Nach Gott. Die Zukunft der Religionen“ (1997) ein offenes Geheimnis und in theologischen Diskursen verzweifelt tabuisiertes Skandalon auf den Punkt: „Obwohl es auf der Hand liegt, bleibt es eigentümlich schwierig anzuerkennen, daß wir uns das alles ausgedacht haben.“

Was liegt auf der Hand? Und warum ist es „eigentümlich schwierig“ anzuerkennen? Cupitt bezieht sich implizit auf auf den deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach und darauf, daß dessen Religionstheorie wie die Evolutionstheorie Darwins von den meisten Menschen in der säkularisierten Welt zwar stillschweigend akzeptiert, gleichwohl im Geiste einer abendländischen christlichen Leitkultur als zu oberflächlich und die Sache des Glaubens verfehlend gern beiseitegeschoben wird.

Feuerbach schreibt 1851 in seinem Buch „Das Wesen des Christentums“: „Das Bewußtsein des unendlichen Wesens ist nichts anderes als das Bewußtsein des Menschen von der Unendlichkeit seines Wesens, oder: in dem unendlichen Wesen, dem Gegenstand der Religion, ist dem Menschen nur sein eigenes unendliches Wesen Gegenstand.“ Für Karl Marx war damit die „Religionsfrage“ gelöst, und man konnte sich der Revolution des wirklichen Lebens zuwenden. Wie wir heute wissen, war das, von einem einseitigen Menschenbild ausgehend,  offenkundig zu kurz gedacht. Die Religionsfrage ist in Gestalt des Islam(ismus) aktueller und bedrängender denn je, und wenn man über den Tellerrand des säkularisierten Europa hinaussieht, entdeckt man überall in Südamerika, in Afrika, in den USA unübersehbare spirituelle Angebote, Absplitterungen der sog. „Weltreligionen“ wie der Stammeskulte der Indigenen (Woodoo) und zusammengebastelte Neukonstruktionen für jedes Bedürfnis. Auch den sog. „neuen Atheisten“ wird nachgesagt, sie seien im Grunde Anhänger einer Religion. Wer allerdings bekennt, er glaube nicht an Gott, setzt sich diesem Verdacht wider Willen zu recht aus und sollte sich nicht wundern.

Wenn Sigmund Freud Religion als Massenneurose bezeichnet und Freudianer ihm das abnehmen, werden dieselben Freudianer im Zweifel Schwierigkeiten haben mit dem logisches Schluß, alle gläubigen Menschen seien Neurotiker, ergo „krank“. Eine unzulässige Generalverdächtigung? Womöglich. Die Leitkultur definiert sich nämlich selbst als gesund, weil von allen Wohlmeinenden und gesund Denkenden akzeptierbar, woraus ihr Anspruch erwächst, „leitend“ zu sein, auch um christliche Massen auf den rechten Weg zu führen. Darf man sie deshalb allen Menschen die aus anderen Kulturen zu uns kommen, zumuten? Etwa Buddhisten? Und Muslimen? Die müßten ihren Glauben quasi entkernen, denn Aufklärung ist das eigentlich wesentliche Element einer westlichen Leitkultur, und Aufklärung ist, sagt auch die oberste sunnitische Glaubensbehörde, die al-Azhar-Universität in Kairo, mit dem Islam unvereinbar. Sie habe das Christentum zerstört und würde auch den Islam zerstören.

Könnte aus einem sich ausbreitenden und sich radikalisierenden Islam, der den Islamismus immer mit einschließt, eine neue Gegenreformation als Gegen-Aufklärung herauswachsen? Es scheint so. Kreationisten, sozusagen Muslime mit dem Kreuz-Vorzeichen, haben sich schon in Trumps Regierungsmannschaft eingefunden. Man könnte den Eindruck gewinnen, es bliebe nichts übrig, als ganz im Sinne der ersten Aufklärer und bestätigt durch die abendländische Selbstvernichtungstendenz, die „Neurose“ Religion als solche zu benennen und vielleicht in ihrer auch durch den Islam forcierten Wirkung energisch einzudämmen und aus der Welt des Politischen herauszuhalten. Als religiöser dringt der islamische Virus der Intoleranz, Gewalt und Vernunftfeindschaft in die sich aufgeklärt wähnende Gesellschaft mit ihrem Toleranz-Dogma Der globalisierte religiöse Mob, zu dem sich der Papst verhält wie Trump zum amerikanischen, nimmt im Zweifel den Untergang des Planeten in Kauf, glaubend, es gebe irgendwo als Fluchtziel das Reich Gottes. Und für Muslime geschieht sowieso nichts ohne Gottes Willen.

 

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Eine Antwort zu Der „ausgedachte“ Gott und die „Leitkultur“

  1. Grauwolf schreibt:

    Wir sollten es mit Popper (1945) und Bayle (1686) halten:

    Less well known is the paradox of tolerance: Unlimited tolerance must lead to the disappearance of tolerance. If we extend unlimited tolerance even to those who are intolerant, if we are not prepared to defend a tolerant society against the onslaught of the intolerant, then the tolerant will be destroyed, and tolerance with them.
    (Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.)
    Aus: Popper, Karl, The Open Society and Its Enemies, volume 1, The Spell of Plato, London 1945, Anmerkung 4 zu Kapitel 7 (The Principle of Leadership)

    Un parti qui s’il étoit le plus-fort ne toléreroit point l’autre, mais le violentroit dans sa consience, ne doit point être toléré.
    (Eine Gruppierung, die, wenn sie die stärkste wäre, keine andere tolerieren und Gewissenszwang ausüben würde, darf nicht toleriert werden.)
    Aus: Pierre Bayle, Commentaire philosophique …, 1686, 2. Teil, 5. Kapitel, Seite 347

    Die notwendige Konsequenz wäre:
    Keine Toleranz für die Feinde der Toleranz!

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