Ins Paradies

Manchester.

Dies war kein „feiger Mord“. Es war noch nicht einmal, unterstellen wir Zurechnungsfähigkeit als Bedingung, ein „Verbrechen“. Es war, als hätte jemand die Stimme seines Gottes gehört. Es war Wahnsinn. Durchaus im Sinne einer Erkrankung. Überall werden und wurden seit je solche Stimmen gehört. Man denke an Abraham, dem ein Mord aufgetragen wurde, oder an Paulus vor Damaskus. Hier aber, bei den Bildern aus der Konzerthalle, wußten wir gleich, daß der Bombenmensch einen muslimischen Namen tragen und einen entsprechenden Auftrag haben würde. Und dann stand da der bärtige verzweifelte Taxifahrer mit Tränen in den Augen, der auch einen muslimischen Namen trug und seine Hilfe anbot. Viele Muslime, nicht nur auf der Insel, werden die Hände vors Gesicht geschlagen und gestöhnt haben: Nicht schon wieder!

Es hilft nichts. Ohne den Ruf seines Gottes und ohne Hoffnung aufs Paradies sprengt sich kein junger Mann mit 22 in die Luft. Auch seine Religion hat die Eigenschaft, unendlich vielfältig ausgelegt werden zu können. Auch die Kämpfer des IS sind Muslime. Auch die Auspeitscher, Handabhacker und Steiniger in Riad, denen wir unsere Panzer verkaufen. Bei diesen ganze besonders Frommen bleibt manchmal von der „Barmherzigkeit“, eine der hervorstechendsten Eigenschaften Allahs, glaubt man dem Koran, nicht viel übrig. Dann setzen sich die Schwertsuren fest im kranken Gehirn: „Erschlagt die Götzendiener, wo ihr sie findet, packt sie und belagert sie und lauert ihnen in jedem Hinterhalt auf.“ Salman Abedi, der Gotteskrieger aus Manchester, interessierte sich wahrscheinlich nicht für fein- und hintersinnige Interpretationen und die korrekte historische Einordnung und Bewertung von Suren. Er las oder hörte seinen Koran so, wie er ihn verstehen wollte. Das Resultat solcher Lektüre lag schließlich blutend und röchelnd auf dem Boden. Teenager, die nur einen schönen Abend erleben wollten und Gott noch nicht einmal beleidigt hatten – es sei denn durch das Anhören fröhlicher Musik.

Was mit wem alles oder nichts zu tun hat und wie alles miteinander zusammenhängt, soll hier nicht weiter erörtert werden. Was aber ganz auffälligerweise fehlt bei der Kommentierung von Ereignissen wie dem aktuellen, ist eine Theorie des Typus „Suizid-Bomber“ bzw. „Märtyrer“. Bis auf ein paar oberflächliche, sogar zynische „Erklärungen“ etwa in dem Sinne, sein Leben sei sinnentleert, er freue sich auf 72 Jungfrauen, weil er hier unten keinen Zugang zu Mädchen habe (als Nebenmotiv durchaus zu beachten), wird ganz im Sinne eines interreligiösen Konsenses sogar von religionsneutralen Beobachtern ausgeblendet (aus „Respekt“),  daß es sich beim Selbstmordattentäter um ein genuin religiöses Phänomen handelt. Wer hier von „kranken Hirnen“ spricht, die zu solcher Untat fähig seien, muß sich den Wink gefallen lassen, den Sigmund Freund vor vielen Jahrzehnten schon gegeben hat. Für Freud waren Religionen Ausdruck einer Massenneurose, der Panik im Angesicht des Todes geschuldet. Je wichtiger die Religion im Leben eines Menschen ist – und bei Muslimen der Jetztzeit ist sie im Durchschnitt viel wichtiger als bei Steuerchristen – um so höher ist der Grad der „Erkrankung“. Den Individuen ist das nicht zuzurechnen. Und das System qua Glaubensgemeinschaft ist ebenfalls unzurechnungsfähig. Es ist auch nicht schuldfähig wie ein Individuum. Ein Papst oder jeder Priester, wenn sie funktionieren, sind lediglich seine Produkte bzw. Funktionäre. Das System, der jeweilige Glaube, ist auf uns gekommen und mutet sich uns zu. Wenigen ist es gegeben, ihm zu entkommen.

Salman Abedi hatte offenbar nicht die Chance, seinem System zu entkommen. Er suchte einen anderen Weg, sich zu befreien. Direkt ins Paradies.

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