Treu im Glauben

„Vielleicht ist der Islam nichts anderes als seine Karikatur und alle Mystik, Philosophie und Aufklärung seit je nur der unsinnige Versuch, an dem Bild, nein, an der Einbildung festzuhalten, mit der man aufgewachsen ist, damit Apologie des eigenen Soseins.“

Diesen Satz schrieb Navid Kermani, iranischstämmiger deutscher Muslim der schiitischen Fraktion, in seinem 1200-Seiten-Epos „Dein Name“. Das Buch ist eine Mixtur aus autobiografischer Gegenwartsbeschreibung, Tagebuch, Herkunftserforschung und „Roman“, nach Meinung vieler Kritiker unlesbar wegen fehlender Struktur und nicht erkennbarer Thematik. Ein Experiment, wie es im Buche steht. Den Leser, der durchhalten will, muß schon die Frage beschäftigen: Wer ist dieser Vorzeige-Muslim Kermani?  Seine Bücher werden hochgelobt, mit Preisen überschüttet, sogar als Bundespräsidentenkandidat wurde er gehandelt. Sein Islam, möchte man meinen, kann durchaus zu Deutschland gehören, nein: sollte gehören. Man sollte sich um ihn reißen, damit sowohl das intellektuelle wie das spirituelle Niveau der deutschen Gesellschaft gehoben werde.

Aber für welchen Islam steht Navid Kermani? Er schrieb ein Buch über die „Schönheit“ Gottes und meinte die ästhetische Dimension des Koran. In seinem Roman „Große Liebe“ wird deutlich, daß Kermanis Glaube in der Mystik, im Sufismus wurzelt. Der Sufismus und die  islamische Orthodoxie befanden sich immer in einem Spannungsverhältnis bis hin zur Feindschaft, einschließlich der Ermordung sufistischer Dichter und Denker. Heute werden die Sufis besonders im Iran und in Saudi-Arabien verfolgt. Gegen den sich ausbreitenden Salafismus scheinen sie wenig Chancen zu haben. Sie waren und bleiben Außenseiter.

Erklärt eine solche Standortbestimmung vielleicht, was es mit dem eingangs zitierten Satz auf sich hat? Der Schreiber scheint begriffen zu haben, daß die Wahrheit nicht nur seines sondern jeden Glaubens je nach Ort und Zeit seiner Offenbarung oder der Geburt des Glaubenden auch eine andere sein könnte, im eigentlichen Sinne „kontingent“ ist, wie die Philosophen sagen. Diese Kontingenz (es könnte auch anders sein) macht jeden Offenbarungsglauben spätestens seit der Aufklärung für viele kritikfähige Geister (etwa für Kant) suspekt, wenn nicht unannehmbar. Die Muslime erklären die unabweisbare Wahrheit ihrer Offenbarung damit, daß Gott dieselbe Wahrheit auch schon früher durch die Propheten (u.a. Jesus) vor Mohammed verkündet hätte, diese aber von den Menschen nicht verstanden, ja  verhunzt worden sei, etwa indem sie verkündeten, Gott habe einen Sohn und dieser sei gekreuzigt worden und dann auferstanden.

Kermani ahnt, daß er kein Muslim wäre, hatte die Wiege seines Vaters nicht in Isfahan, im Iran gestanden. Diese schlichte Wahrheit gilt für alle Gläubigen dieser Welt, und es bleibt ein Rätsel, warum sie so folgenlos blieb und jeder Monotheist auf seiner Wahrheit herumritt und noch immer herumreitet. Das „Vielleicht“ in Kermanis Sentenz scheint einen letzten ängstlichen Vorbehalt auszudrücken, daß „Glauben“ vielleicht doch mehr sei als das Festhalten an dem, was man von Kindesbeinen an erfahren und für richtig, ja unumstößlich befunden hatte. So lesen die Christen alljährlich die Weihnachtsgeschichte und bleiben dem von Lukas gedichteten Märchen ein Leben lang treu. Und erst recht auf den Auferstehungsglauben können sie nicht verzichten. Und die Juden berufen sich auf die Verheißung Jahwes, der ihnen das Land  Erez Jisrael vor einigen tausend Jahren gegeben hat, wo sie sich, nachdem sie lange ganz woanders wohnten, heute wieder als rechtmäßige Eigentümer auch ohne Vertrag mit den Vormietern begreifen.

So schaffen Mythen in Gestalt von Offenbarungen weit über ihre Entstehungszeit hinaus Stoff für immer wieder auch tödliche Konflikte. „Dem Absolutismus der Wirklichkeit tritt im Mythos der Absolutismus der Bilder und Wünsche entgegen“, schreibt Hans Blumenberg, der Philosoph des Mythos. Diese Bilder und Wünsche (Kermani nennt sie „Einbildung“)  sind es, von denen sich die Menschen nicht trennen wollen, denn aus ihnen besteht das „Sosein“, nicht aus Partikeln einer kalten, nüchternen Wirklichkeit. Und deshalb wird es nie ein Ende des Mythos geben und statt seiner eine aufgeklärte, kalt strahlende Welt.

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