Die neuen Gottesreiche

Die Türken haben sich für die Verabschiedung der westlichen, d.h. von Ungläubigen ausgedachten Idee der Demokratie entschieden. Angeblich mehrheitlich. Aber sie haben nicht nur etwas abgeschafft, sondern sind dabei, etwas so Neues wie Altes zu errichten: einen Gottesstaat mitsamt der Todesstrafe, die die Scharia für diverse Vergehen, etwa außerehelichen Sex, vorsieht. Vor 38 Jahren, 1979, geschah im Iran Vergleichbares, wenn auch das Abgeschaffte zwar westlich geprägt, aber auch eine Diktatur war. Die Diktatur blieb bestehen. Folter und Todesstrafe auch.

Gottesstaaten können heute nur unter dem Vorzeichen des Islam entstehen. Kein Euro-Islam, der sich angeblich mit der Demokratie versöhnen wird, kann und wird das Recht Allahs bestreiten, der einzig legitime Gesetzgeber zu sein. Allahs Reich ist sehr wohl von dieser Welt, anders als das, welches Jesus vorschwebte. Aber die Muslime wurden von ihren strategischen Vordenkern seit langem ermahnt, als Minderheit in der Diaspora diesen Anspruch Gottes auf Herrschaft gegenüber den jeweiligen Verfassungen nicht allzu offensiv zu vertreten.  Der Euro-Islam ist so gesehen nichts anderes als die Befolgung dieses Rates, eine klandestine Form der Gottesherrschaft. Eine muslimische Mehrheit würde Demokratie als gegen Gott gerichtetes Werk des Teufels folgerichtig umgehend abschaffen. Da ahnen die AfD oder Geert Wilders schon etwas Richtiges, und die Populisten mit dem Hinweis abzuweisen, es gebe doch nur wenige Muslime in Europa und die meisten von ihnen seien friedliche und brave Steuerzahler, verfehlt gerade mit dem Hinweis auf die geringe Zahl den Kern des Problems. Dies wächst mit der Zahl der Gläubigen.

Das heutige Problem des Islam in Europa ist nicht neu und trat zuerst bei den ehemaligen Kolonialmächten auf, die ihre Schuldgefühle gegenüber den einst unterworfenen Völkern etwa wie in Großbritannien dadurch ausdrückten, daß sie ihnen als ehemaligen Bewohnern des Imperiums die Staatsbürgerschaft anboten, falls sie, wozu sie ein Recht hatten, auf die Insel zögen. Da leben sie nun in Parallelgesellschaften und schüren ihre Wut und Vergeltungsgelüste gegen die ehemaligen Unterdrücker. Exemplarisch zeigte sich dieses ressentimentgeladene Verhalten, das besagt, Integration ist, wenn ihr unsere Kultur mit all ihren Aspekten akzeptiert, zuerst im Fall Rushdie. Der Autor der „Satanischen Verse“ beschreibt in seiner Autobiografie, wie sich Teile der britischen Zivilgesellschaft angesichts der blutrünstigen muslimischen Massen, die angestachelt wurden etwa vom ehemaligen zum Islam übergetretenen Popsänger Cat Stevens,  in britischen Städten wegduckten. Cat Stevens alias Yusuf Islam hatte erklärt, er hoffe auf Rushdies Tod und sei bereit, die Attentäter zu rufen, sobald er wisse, wo sich der Gotteslästerer aufhalte. Man ließ Rushdie wissen, daß er die Unterstützung der Regierung und den Personenschutz nur dann verlangen könne, wenn er seine Prinzipien (Meinungsfreiheit, Freiheit der Kunst)  und die Verteidigung seines Buches aufgab und sich für die „Gotteslästerung“ entschuldigte. Die intellektuelle Elite des Landes war gespalten. Literaten wie hierzulande Martin Mosebach, die jeden Angriff auf die Religion zurückweisen und eine Verschärfung des Blasphemieparagraphen fordern, gibt es überall im Westen, auch in Großbritannien. Auch der britische Außenminister Howe erklärte, das britische Volk schätze das inkriminierte Buch nicht. Der Schriftsteller Roald Dahl nannte Rushdie einen „gefährlichen Opportunisten“. Der deutsche Verlag Kiepenheuer&Witsch kündigte seinen Vertrag mit Rushdie. Die Berliner Akademie der Künste weigerte sich, aus Sicherheitsgründen eine Pro-Rushdie-Demo auf ihrem Gelände zuzulassen. Aber einer wie Günter Grass sagte anläßlich der Feststellung eines Journalisten, die Flamme der Aufklärung drohe zu erlöschen: „Und doch gibt es keine andere Lichtquelle.“

Für große Teile der muslimischen Welt ist diese Flamme aber ein Feuer aus dem Inneren der Hölle. 1989 entschloß sich der iranische Revolutionsführer Khomeini, dieses Höllenfeuer auszutreten oder wenigstens  der Umma, der islamischen Weltgemeinde, zu befehlen, mit dem Austreten zu beginnen, indem sie den teuflischen Autor der satanischen Verse vernichte. Dazu zeigten sich weltweit die fanatisierten Massen bereit. Rushdie schreibt in seiner Autobiografie: „Es gab viele Linke – Germaine Greer, John Berger, John le  Carré – die den Gedanken, die Masse könne sich irren, inakzeptabel fanden. Und während die Liberalen schwankten und Ausflüchte suchten, wuchs die massenpopuläre Bewegung der Irrationalität von Tag zu Tag  – in ihrer Irrationalität ebenso wie in ihrer Popularität“.

Ende der 80er hatte es noch gut ein Jahrzehnt Zeit, bis am 11. September die Türme einstürzten. Und noch ein knappes Jahrzehnt später (2010) entfuhr einem deutschen Bundespräsidenten der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“. Der Kotau der westlichen Welt, dem Rushdie damals mit Entsetzen zugesehen hatte, diese Demutsgeste eines geschichtsvergessenen Politikers, hätte sich fast als die Formel durchgesetzt, mit der der Westen Frieden schließen wollte im Namen des für alle zuständigen Gottes. Doch dann begann der Terror erst recht zu wüten, und die Kritik an der Formel wuchs. Leidtragende waren zuerst die Muslime selbst, Geiseln der dritten abrahamitischen Religion, die sich diese nicht ausgesucht hatten, sondern hineingeboren waren. Lebenslang haben sie dort auszuharren. Jeder Ausbruch wird mit der Todesstrafe bedroht. Die wird, wie gesagt, demnächst in der Türkei wieder eingeführt. So Gott es will.

Salman Rushdie, der seine Autobiografie unter dem Nom de Guerre „Joseph Anton“ veröffentlichte, bekannte sich in seiner verzweifelten Lage irgendwann zu einer Einsicht in das Wesen der Religion, der wir uns, wenn sie auch sehr zugespitzt und plakativ daherkommt, an dieser Stelle voller Empathie anschließen: „Er war nicht gerade in der Stimmung für Druiden. Religiöse Kulte ob groß oder klein, gehörten in den Abfalleimer der Geschichte, und er wünschte sich, jemand würde sie endlich da hineinstopfen, zusammen mit dem übrigen Kinderkram der Menschheit, der Erde als Scheibe zum Beispiel oder dem Mond aus Käse.“    

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