Ist der Glaube ein Aberglaube – oder umgekehrt?

Wir erfahren vom katholischen Papst (im ZEIT-Interview), daß er an den Teufel glaubt, und vom evangelischen Landesbischof Bedford-Strohm anläßlich des Osterfestes, daß er an die Auferstehung glaubt.  Der Papst, so rechtfertigen ihn seine Glaubensbrüder, komme aus der südamerikanischen Volkskirche, und das Volk könne nun mal nicht anders, als an den Teufel zu glauben, um sich das Übel in der Welt zu erklären.  Will sagen: wenn das Volk wie seit je abergläubisch ist, darf es der volksnahe Papst auch sein.

Bekanntlich bemühen sich die Protestanten um eine größere Nähe zu Ratio und Aufklärung und spätestens seit dem Theologen Bultmann um „Entmythologisierung“. Das führt dann gelegentlich zu seltsamen Gedankenpirouetten, wie sie Bedford- Strohm in einem Interview mit dem Bonner GENERALANZEIGER einem Publikum vorführt, das durchaus verstehen will, am Ende aber so klug ist als wie zuvor.

Für Bedford-Strohm ist der Glaube an die Auferstehung „absolut zentral“. Und dann kommt die Begründung einer entmythologisierten Auferstehung, die erstaunlich ist: „Wenn man sich vorstellt, Christus wäre nicht auferstanden, dann müßte man ja sagen, daß ein wunderbarer und eindrucksvoller Mensch am Ende gescheitert ist. Er wäre am Kreuz gestorben, und das Gute und die Liebe hätten gegenüber der Gewalt und dem Nihilismus nicht das letzte Wort gehabt. Daß das nicht so war, können wir nur sagen, weil Christus auferstanden ist.“

Der Leser reibt sich die Augen. Er deutet die Konjunktive „wäre, müßte, hätte“ als kontrafaktisches Kontrastprogramm zur indikativen Wirklichkeit, in der er lebt, und sieht sich genötigt, diese Wirklichkeit à la Bedford-Strohm so zu beschreiben: Weil Christus nicht nur ein „wunderbarer und eindrucksvoller Mensch“ war, sondern weil er als Gottes Sohn auferstanden ist, hat die Liebe und hat das Gute nach seiner Kreuzigung über Gewalt und Nihilismus gesiegt  Das ist Fakt. Der Leser und Hörer der täglichen Nachrichten, der Kenner der Geschichte muß entweder Bedford-Strohm für einen Alien halten, der erst vor kurzem auf der Erde gelandet ist, oder alle Nachrichten und Geschichtsschreibung für Lügen, für Fake Speech. Die Bedford-Strohms erfinden die Welt neu, indem sie den Schleier von unseren Augen reißen: Seht her auf diese wunderbare Schöpfung mit all ihren wunderbaren guten sich liebenden Menschen, gelungenen Geschöpfen eines liebenden Vaters  Und Franziskus ergänzt: Und was nicht ganz so gut und liebevoll ist, stammt vom Teufel.

Natürlich ist solche Kritik an den Gottesmännern billige Polemik. Ihre Sprache benutzt einen anderen Code als Philosophie und Rationalität. Der religiöse Code (und nicht nur dieser)  bedient sich der  sog. Palmström-Formel  „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ und der logischen Figur des Zirkelschlusses (petitio principii).  Es wird immer schon vorausgesetzt, was eigentlich erst zu beweisen wäre. Habermas, der Philosoph,  meint aber, die Philosophie habe Gründe, „sich gegenüber religiösen Überlieferungen lernbereit zu verhalten“  Religiösen Überzeugungen wie der von der Auferstehung der Toten müsse ein erkenntniskritischer „Status zugestanden werden, der nicht schlechthin irrational ist“. Solcher Aufforderung zu folgen bedeutete aber eine Opferung des Verstandes (sacrificium intellectus), und wer dieses Opfer vollbringt,  meinen wir, könnte mit offenen Armen in den obersten Führungsgremien des Islamischen Staates oder der Trump-Administraton umstandslos aufgenomen werden.

Der Schluß scheint nicht abwegig, daß die weiterwirkenden Elemente religiös-mythischen Denkens in der sich säkular und aufgeklärt verstehenden Welt mitursächlich sind für all die Gewalt, die Wut, die Vernunftlosigkeit, die wir „Aufgeklärten“ nicht mehr verstehen können.  Eine illusionslose Zeitanalyse kann einen Bedford-Strohm letztlich nur den Leuten zurechnen, die den Verstand der Menschen weltweit verdunkeln, statt sie zu erhellen. Die Dauerpanik des Homo sapiens angesichts des Todes, die Quelle aller Religionen, könnte zu einer realen Beschleunigung des Endes der ganzen Spezies führen. Irgendwann könnte es den Islamischen Staat in verschiedener Aufmachung überall geben. Wo Rettung vermutet wurde, in den Heilsversprechungen religiöser Natur, lauert paradoxerweise der die vorzeitige Selbstvernichtung auslösende Konflikt – der zwischen Ideologien und Religionen. Ob der Glaube an die Auferstehung dann noch Trost bietet, mag mit Fug bezweifelt werden.

Die Quelle allen Glaubens ist Mythos. Immer ist Glaube auch mythengetränkter Aberglaube. Wer beide trennen will, wird scheitern. Habermas will dem Glauben den Zwilling Aberglauben nicht entfremden. Er glaubt nicht an eine gefahrlose Herrschaft der Aufklärung, sondern rechnet damit, daß Religion die Aufklärung zur Selbstreflexion veranlassen könnte, also an eine Funktion der Religion als Korrektiv einer in Vernunft-Hybris versinkenden Menschheit. Ein fast verzweifelter Glaube. Allein ein Blick in die islamische Welt, wo Glaube sich am wenigsten von Aufklärung gefährdet ausleben darf, sollte uns veranlassen, die Habermas’schen Hoffnungen fahren zu lassen.

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