Die Botschaft der Brüste

Emma Watson war einmal ein Kinderstar (Harry Potter). Jetzt ist sie erwachsen und hat Brüste. Gleichzeitig kämpft sie als UN-Sonderbotschafterin für Frauenrechte und setzte sich auch beim gewaltigen Women’s March auf  Washington gegen den Trump’schen Pussy-Grab-Sexismus in Szene. Daß Emma aber glaubwürdig für die Sache der Frauen kämpft, glauben ihr viele Feministinnen nicht mehr. Sie hat nämlich in der Zeitschrift VANITY FAIR etwas, nicht alles von jenen Brüsten sehen lassen. Das geht gar nicht, empörte sich die britische Radiomoderatorin Julia Hartley-Brewer, und viele Frauen stimmten ihr zu: Wer seine Brüste zeigt, kann als Feministin nicht ernst genommen werden. Emma Watson wunderte sich: „Was haben meine Titten mit Feminismus zu tun?“

Ganz so einfach ist es aber nicht, den weiblichen Körper und seine attraktiven Teile vom Ziel der Frauenbefreiung zu trennen. Traditionell, Jahrtausende lang gehörte nämlich dieser Körper nicht den Frauen, die in ihm lebten. Er gehörte den Vätern, den Ehemännern, den Kindern, die zu gebären waren, den Ärzten, der Gesellschaft. Alle patriarchalen Kulturen halten das Objektsein der Frau für Ausdruck einer natürlichen oder gottgewollten Ordnung. Der Islam allerdings trieb die Vorstellung, eine Frau sei eine Sache, die einem Mann  gehöre, um ihm Söhne zu gebären, auf die Spitze. Er reduziert die Frau auf Vagina und Uterus und steckt sie in schwarze Säcke, damit niemand außer dem Eigentümer auffalle, daß sie „Reize“ besitze. Auch die Tradition des Christentums würde uns heute  noch ähnliche göttliche Regeln vorhalten, hätte sie nicht der fortschreitenden Säkularisierung immer mehr Zugeständnisse machen müssen. Mit der fatalen Folge, daß irgendwann die Frauen ihr volles Menschsein entdeckten, auf Respekt dafür bestanden und dafür zu kämpfen begannen.

Zum vollen Menschsein gehört nicht zuletzt die sexuelle Selbstbestimmung, die Abschaffung des Virginitätswahns und das Recht auf Entkoppelung von Lust und Reproduktion.  Der Körper der Frau (also auch der Bauch und die Gebärmutter) gehört der Frau, sagten sich die Feministinnen der 70er Jahre und begannen, dafür zu kämpfen, nachdem die Suffragetten Anfang des vorigen Jahrhunderts vor allem für materielle Gleichberechtigung und Bildungschancen gekämpft hatten. Menschenrechte waren bis dahin auch im Frankreich der Revolution Männerrechte gewesen.“Sklaverei“ war noch im 19. Jahrhundert die Metapher für die Rechtlosigkeit der Frau oder ihre „Hörigkeit“, wie John Stuart Mill es nannte.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erschien die Sklaverei, zumindest in der westlichen Welt, deutlich abgemildert, und doch begriffen die Frauen, die etwa Simone de Beauvoir lasen, daß die weibliche sexuelle Hörigkeit noch tief vor allem in den religiös kontaminierten Milieus steckte – aus der Sicht beider Geschlechter. Um die Befreiung aus dieser Hörigkeit ging es den Feministinnen nach der Jahrhundertmitte. Dazu gehörte vor allem, den weiblichen Körper nicht für minderwertig (außerhalb der Gebärfunktion) zu halten (Freuds Theorie vom „Penisneid“ brachte das auf den Punkt), indem man das attackierte, was man das „Hurensyndrom“ nennen konnte. Sexuell aktiv begehrende Frauen gerieten seit je unter das Verdikt, nicht „anständig“, sondern in Wahrheit Huren zu sein. Ein wieder lauter werdendes Echo davon hören wir heute aus den Mündern muslimischer Männer, die es ins Europa einer teilbefreiten Weiblichkeit verschlagen hat. Weibliche sexuelle Selbststimmung hat Allah nicht vorgesehen. Der Backlash, der von dort der ganzen Gesellschaft droht, darf nicht unterschätzt werden. Von wegen „…gehört zu Deutschland“.

Zurück zu den Brüsten der Emma Watson und den Feministinnen, die daran Anstoß nahmen. Wem gehören sie nun? Emma sagt: „Mir gehören sie. Und ich zeige sie, wann und wem ich will.“ Ihre Gegnerinnen sagen: Weißt du denn nicht, daß sie den Männern, ihren gefräßigen Blicken gehören und daß du Dummchen sie ihnen zum Verspeisen anbietest. Dieser vorgeblich feministische Blick ist in Wahrheit der der Männer, die immer noch das Recht auf den weiblichen Körper beanspruchen, und wenn auch nur eine Straßen-Sekunde lang. Und die Frauen, die ihren Geschlechtsgenossinnen einen feministischen Dresscode aufzwingen wollen, machen sich letztlich zu Kollaborateurinnen sogar der Muslime, die ihre Frauen in unförmige Säcke stecken und in die Häuser sperren..

Der Frauenmarsch auf Washington machte aber auch Mut, auf ein wachsendes Körper-Selbstbewußtsein der Frauen zu hoffen, die sich rosa Pussy-Hats aufsetzten, „Viva la Vulva“ Plakate hochhielten und dem Male-Chauvinist-Pig im Weißen Haus androhten: „Pussy grabs back!“ Der Penisneid, den Sigmund  Freud mit einigem Recht für seine Zeit diagnostiziert hatte und der hinter der Metapher einen realen und berechtigten Neid auf Macht und Herrschaft des Phallus meinte (Phallokratie) sollte langsam im neuen Jahrhundert überwunden werden. Die kriegerisch mit Slogans bemalten Brüste der Femen-Frauen deuten an, daß hier eine Bewegung stärker wird. Und Emma sollte sich an die Brüste der Freiheit erinnern, die einst auf den Barrikaden der Revolution triumphierte.

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