Die Lust und das Erbarmen

Die heute 70jährige Irin Marie Collins hat als zweites und letztes Mißbrauchsopfer (vergewaltigt mit 13 durch einen Kaplan im Krankenhaus) die von Papst Franziskus vor drei Jahren eingesetzte Kindeschutzkommission zur Bekämpfung von sexuellem Mißbrauch in der katholischen Kirche tief enttäuscht verlassen. Es gebe im Vatikan Kreise, die sich einfach weigerten, mit der Kommission zusammenzuarbeiten. Gegenüber RADIO VATIKAN erklärte die Irin: „Wenn es im Vatikan in bestimmten Positionen nur noch Männer gibt, die nicht mit der Kommission zusammenarbeiten wollen, obwohl die nichts anderes versucht, als Kinder und andere Schutzbedürftige vor Schmerz und Mißbrauch zu bewahren, dann kann ich als Opfer wirklich nichts anderes tun als tun als gehen.“ In einem anderen Statement von Collins heißt es: „Der Mangel an Kooperation vor allem durch das Dikasterium, das am engsten mit Mißbrauchsfällen befaßt ist, war eine Schande.“ Gemeint ist die von Gerhard Ludwig Müller, dem Steve Bannon des Papstes, geleitete Glaubenskongregation. Die Weigerung der Kongregation, so Collins weiter, sämtliche Briefe von Mißbrauchs-Betroffenen trotz einer Anordnung des Papstes persönlich zu beantworten, habe für ihren Schritt den Ausschlag gegeben. Ergänzend heißt es in einem FAZ-Bericht, Franziskus sei mindestens so sehr Teil des Problems wie der Lösung. „In mehreren Fällen, in denen es in den kurialen Gerichtsinstanzen mit rechten Dingen zugegangen war, ließ der Papst im Sinne der Barmherzigkeit Gnade vor Recht ergehen – eine Verhöhnung der Opfer und ein Symptom einer Kirchenkrise, die systemische Ursachen hat und die nicht ausgestanden ist.“

Starker Tobak  Befindet sich die Papstkirche trotz des „Reformpapstes“ in einem ähnlichen Zustand wie im 16. Jahrhundert, als die Mißstände und Skandale jenes Maß erreicht hatten, das die Reformation im Nachhinein als unausweichlich erscheinen läßt? Ja und nein. Die Renaissance-Päpste schwelgten „in ungeheurem Luxus, hemmungsloser Genußsucht und ungenierter Lasterhaftigkeit“ (Hans Küng). Es scheint aber so, als ob unter der inzwischen gemäßigt zivilisierten Oberfläche der klerikalen Welt Reste solcher perversen Verkehrungen frommer Denkungsart noch immer virulent sind. Der Hang zum Luxus, wie ihn Tebartz van Elst repräsentierte, hatte etwas vom Geist der katholischen Renaissance.  Gleichwohl ließ er sich nicht dauerhaft rechtfertigen, und der Papst selbst mußte den aus dem Ruder Gelaufenen wieder heimholen. Genußsucht und Lasterhaftigkeit jedoch gedeihen heute zwar nicht vor aller Augen, aber die Zahl der Vergewaltigungen und Schändugen rund um die katholische Welt von Australien über Europa bis in die USA, die zudem etwa in Ländern wie Polen und Italien mit geradezu mafiöser Omerta beschwiegen werden, hat ein Ausmaß angenommen, das die Schwarze-Schafe-Theorie nicht hinlänglich erklären kann. Also doch was Systemisches? Und zwar von Anfang an, vielleicht sogar vor allem christlichen Anfang?

Die katholische Welt und erst recht die des Vatikan ist, wie jeder weiß,  eine makellose Männer-Welt. Marie Collins hebt das nicht ohne Hintersinn hervor. Ähnlich wie im Islam ist der Blick auf den Menschen, das Geschlecht, die Frau, auf Mädchen und Jungen ein männlicher. Es ist, etwas drastisch ausgedrückt, der Blick des Beutegreifers auf die Beute. Das erste dieser Beute-Opfer war Eva, deren Verfehlung angeblich den Tod gebracht hat, der erst durch Jesus und seine jungfräuliche Mutter besiegt werden konnte. Der Blick, der sie getroffen und verurteilt hatte, war der Gottvaters. Er befahl ihr als Strafe die bedingungslose Unterordnung unter den Mann, Gottes eigentliches Ebenbild.  Die Kirchenväter in der Folge machten in Eva das genuin Hurenhafte des Weibes aus. Später wurde als Gegenbild die „neue Eva“, Maria, die keine Frau und damit Hure sein darf, erfunden. Hure ist das Weib an sich, weil es „als Fleisch“ begehrt wird. Es braucht nichts dafür zu tun. In der Konsequenz des Denkens so Epoche-prägender heiliger Männer wie Paulus und Augustinus konnte das nur größtmögliche Distanz zum Weibe, größtmögliche Separation der Geschlechter bedeuten – wiederum aus rein männlicher Sicht. Ansonsten war die Sünde kaum zu vermeiden. Augustinus appelliert an den Willen, der eine lustlose Zeugung ermöglichen soll und fantasiert mit weitreichenden Folgen für die christliche Sexualmoral, „daß die in Betracht kommenden Glieder den Menschen zu Kindererzeugung auch ohne die Begierde, womit der Ungehorsam der Sünde bestraft ward, auf einen Wink des Willens hin hätten gehorsam und dienstbar sein können, wie es doch die übrigen Glieder (Finger etc.) können“. (Gottesstaat 14. Buch, Kap. 13): “ „Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren“, heißt es beim menschlich-realistischer denkenden  Paulus im Römerbrief (7,1-2),  „wegen der Gefahr der Unzucht soll  aber jeder seine Frau haben.“ So ist die Ehe gestiftet als domestizierte Unzucht bzw. als verklärtes Bordell. Wer auf sie als Zölibatärer verzichtet, muß mit den Folgen rechnen und klarkommen. Für viele eine zu schwere Prüfung, und die Kirche weiß darum. Ihr System verlangt, was nicht zu verlangen ist, und auch das weiß sie. Dies wiederum  fordert ihre Barmherzigkeit, ein Kernstück des Evangeliums, heraus.

Die wirklichen Opfer ihrer „Opfer“, die jetzt so hysterisch auch von Frau Collins beklagt werden, sind also die Kleriker. Sie sind der Unwiderstehlichkeit von Körperöffnungen beiderlei Geschlechts ausgesetzt, weil nun mal das Fleisch schwach ist, wie man weiß. Auch Mephisto konnte sich bekanntlich der sinnlichen Wirkung entblößter Knaben-Hinterteile nicht entziehen („Die Racker sind doch gar zu appetitlich!“). Wie erst schwache Menschen! Ihnen weiß sich die Kirche verpflichtet. Das quasi unvermeidliche Opfersein der „Racker“ ist eine Art Natursetz, also auch ein Teil von Gottes Willen, in die der Mensch mit Kommissionen, Gerichten etc. nicht zu sehr hineinpfuschen sollte. So erkennen wir eine höhere Weisheit im Erbarmen des Heiligen Vaters, die allmählich auch den Kritikern seines Handelns einleuchten sollte. .

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