Trump verstehen

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und unter dem Eindruck der Diktaturen seiner Epoche schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno in einem Aphorismus: „Im Stillen ist eine Menschheit herangereift, die nach dem Zwang und der Beschränkung hungert.“ Der Hunger, so scheint es, ist immer noch nicht gestillt. Sättigung würde der eines Säuglings an der Mutterbrust gleichen. Sie bedeutete Regression in die Geborgenheit der Willenlosigkeit, geschützt vor der kalten Welt der Globalisierung, des ausufernden gottlosen Denkens, des brutalen Geschäftemachens. Auch der desillusionierenden „Fakten“.

Aber warum Trump? Warum traut man ihm die Moses-Rolle zu, den Marsch ins gelobte Land erfolgreich zu Ende zu bringen? Trump ist bei Lichte besehen nicht der, für den ihn seine Fans halten: erfolgreich weil klug, ehrlich weil gradlinig, menschenfreundlich weil den Massen zugewandt. Trump ist auch nicht „krank“ im Sinne einer medizinischen oder neurologischen Diagnose. Wer Trump beobachtet, sieht einen Halbstarken. Einen Menschen, dessen Entwicklung zum Erwachsenen, zum verantwortlichen Individuum blockiert ist, wie übrigens bei vielen Menschen zu beobachten, die als „normal“ durchgehen. Seine fuchtelnde Gestik, seine fletschende Mimik, seine Radau-Sprache, sein King-Kong-Auftreten im Fernsehduell mit Hillary passen zum Schulplatz in einem sozialen Brennpunkt, nicht in die Gipfelzonen der Politik, von der die Sicherheit nicht nur eines Landes, sondern der ganzen Welt abhängt. Auf den Schulhöfen und in den Klassenzimmern erzeugen solche Individuen, die sich gern auch mit ihren sexuellen Erfolgen brüsten, Angst und bei manchen auch Bewunderung. In der Politik und in der Wirtschaft gegenwärtig offensichtlich überwiegend Angst. Diese Angst ist Ausdruck des autoritären Charakters, den man im Zusammenhang mit der Nazi-Begeisterung sehr gut erforscht hat. Alpha-Menschen wie Trump, Erdogan und Hitler sind oft Häuptlinge von Gangs, denen sich zu unterwerfen viele, die sich weniger stark fühlen, für lebensklug halten. Wer mich ängstigt, wird, wenn ich ihm gehorche, mich auch beschützen, ist die geheime Hoffnung. Dann nehme ich gern den Zwang zum Kritikverzicht und die Beschränkung meiner Freiheit insgesamt hin. So what! Es geht mir vor allem um Sicherheit, auch wenn sie von einer Gang gewährleistet ist, deren Guru einer wie Steve Bannon ist. So funktioniert die Mafia, der die Trump-Gang bald zum verwechseln ähnlich sein könnte. Im übrigen auch viele islamische Gemeinschaften.

Wer immer Bekenntnisse von Trump-Aficionados gehört hat, wird einen Aspekt als dominierend herausgefiltert haben: Er redet „Klartext“. Aber er lügt doch unentwegt, wird dem Bewunderer entgegengehalten. Na und! erwidert dieser, ein entwaffnendes Lächeln im Gesicht. Was soll dieser ewige Hinweis auf „Lüge“? Alle lügen doch. Und weil ich auch lüge, ist mir jemand nicht unsympathisch, der so unverfroren lügt wie der Präsident. Seine Lügen sind so erfrischend schamlos. Und, fügt der Rust-Belter hinzu, er lügt nicht nur wie ich, er denkt wie ich und ist irgendwie so wie ich, wenn auch gleichzeitig ganz anders. Auch ich möchte gern den Frauen zwischen die Beine greifen, aber ich würde dafür bestraft. Er hat die Macht, dies und anderes Verbotene zu tun. Weil er Geld hat. Aber er verspricht mir immerhin, das könnte ich auch haben, wohingegen Hillary mich als hoffnungslos Abgehängten schon auf den Müll werfen wollte.

Trump hat instinktiv die paradoxe Wesensverwandtschaft zwischen sich, dem Milliardär, und den wütenden Prekären in den Overfly-States begriffen. Als Steve Bannon seine Chance sah, in diese Verwandtschaft eine Struktur hineinzubringen, die mehr als zwei Wahlperioden halten und den ganzen Staat umbauen könnte, bot er sich als Mastermind, als erster Vordenker, an. Auch Bannons abgedrehter Satanismus irritierte den Präsidenten nicht, als er das Angebot akzeptierte. So könnte aus dem Schulhofschläger ein mächtiger Pate und dieser von seinem Schattenmann sogar schließlich eines Tages entmachtet werden. Noch halten sich beide für fähig, den jeweils anderen im gegebenen Fall niederhalten zu können. Die russische Revolution hat ein Beispiel dafür gegeben, wie sich manchmal die Dinge entwickeln.

 

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