Mit Trump ins heilige Land

Neil Postman, der vor 30 Jahren den Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode“ schrieb, nannte die „Wahrheit“ einmal ein „kulturelles Vorurteil“. In den „Wahrheiten“ der Offenbarungsreligionen zeigt sich die Wahrheit dieser Definition. Aber nicht nur die Religiösen erkunden und erklären mit Vorurteilen vor Auge und Ohr diese Welt. Wir alle tun es und lassen im Lauf des Lebens alte Wahrheiten hinter uns, um an neue zu glauben und so weiter. Wir können nicht anders, und die Nachdenklichen geben Neil Postman recht.

Gegenwärtig hat die Menschheit auf ihrer Wanderung im unübersichtlichen Gebirge der Epochen offenbar einen Paß, einen Sattel, erreicht, wo der Bergführer mit energisch vorgestrecktem Zeigfinger in das Land jenseits des Sattels weist. Der Mann heißt natürlich Donald Trump. Das Land, das er seinen Jüngern verheißt, ist bunt und verändert sich von Augenblick zu Augenblick und strahlt in disneyhafter Glücksfarbigkeit. Man hat ihm den Namen „Post-Truth-Land“ gegeben. Der Paß, auf dem wir stehen, heißt „Sattel-Zeit“.  Führer Trump verkündet, im wahrheitslosen glückstriefenden Schlaraffenland hinter dem Sattel müßten die, die an ihn glaubten und mit ihm zögen, sich um das trockene Brot der „Wahrheit“ nicht mehr kümmern. Milch und Honig, die aus dem Munde des Führers flössen, reichten aus, um jeden Hunger und Durst der Massen zu stillen.

Führer Trump scheint es zu gelingen, das „kulturelle Vorurteil“ in „kulturelle Beliebigkeit“ umzudeuten, und er bestätigt täglich seinen Jüngern, sie bräuchten die angeblichen „Wahrheiten“ der verlogenen und irreführenden Fake-Medien nicht mehr. Schon negative Utopisten wie Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) und jener Neil Postman hatten vorhergesehen, daß bald die Wahrheit „in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen“ und niemand mehr interessieren werde. Dann wird der tägliche Fake die neue Wahrheit sein, über neue Medien vermittelt, von Werbung nicht mehr unterscheidbar. „Wahrheit“, die niemand braucht, muß dann gar nicht mehr so heißen. Das Wort und was wir damit verbunden haben, wird verschwinden.

Liebhaber elitärer bzw. exzentrischer Vergnügungen wie Konzerte klassischer Musik oder dicker Romanen oder dünner Lyrik-Bände wissen schon seit langem, daß eine im Aussterben begriffene grauhaarige Minderheit noch konsumiert, was die Mehrheits-Menschheit als viel zu teuer und absolut verzichtbar schon längst identifiziert hat. So wie die „Wahrheit“ könnten auch die Dinge, die man insgesamt „Kultur“ nennt, sich auflösen im Cyberspace, und kaum einer würde es bemerken. Nach einer gewissen Übergangszeit überhaupt niemand mehr.

Hinter dem Sattel, über den Bergführer Trump uns gebracht hat, werden in Kiosken die Glückspillen für die Frauen und  die Erektionsgaranten für die Männer verteilt und werden in endloser Schleife auf den Gratis-Smartphones Katzenvideos und Softpornos abgespielt. Dazu erklingen unabhängig von der Jahreszeit Lieder wie Jingle Bells. Immer wird Weihnachten sein, auch im Rust Belt. Und die Muslime, die da nicht mitmachen wollen, wird man wie auch immer eines Besseren belehren. Etwa indem man die Kaaba in Mekka abbaut und nach Disneyland oder nach Atlantic City verfrachtet. Technisch ist das möglich. Auf diese Weise gibt es wieder die Gelegenheit und plausible Gründe, die Grenzen wenigstens für pilgernde Muslime zu öffnen.

 

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