Trump – ist er krank?

Das fragte sich nach der letzten verstörenden Pressekonferenz die NEW YORK TIMES. SPIEGEL ONLINE rief nach einem Arzt. Andere wiederum warnten vor einer Pathologisierung des Präsidenten. Dies habe zur Folge, daß man auch seine Wähler für psychisch krank erkläre. Darf man das? Wird das der Demokratie und ihren Wahlritualen gerecht?

Mit Blick auf Trump fällt immer wieder der Begriff „Narzisst“ oder „Narzissmus“. Sigmund Freud unterscheidet in seiner Arbeit „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ beim Individuum zwischen „sozialen“ und „narzißtischen“ Akten. Beim Individuum Trump leuchtet es sofort ein, wenn man seine Reden und Handlungen auf der narzisstischen und nicht auf der sozialen Seite verbucht. Es geht immer nur um seine Person. Was die Massen betrifft, die auf Wahlveranstaltungen oder in Fußballstadien (jüngst Dortmund)  zu beobachten sind, so kann man auch viele Jahrzehnte nach Freud mit diesem an der Einsicht festhalten, „das Individuum komme in der Masse unter Bedingungen, die ihm gestatten, die Verdrängungen seiner unbewußten Triebregungen abzuwerfen.“ Das könne zum „Schwinden des Gewissens oder des Verantwortlichkeitsgefühls“ führen. Auf Volksdeutsch: Die Sau darf aus dem Stall. Und Freud fährt unter der Prämisse demokratischer Unabdingbarkeit politisch völlig inkorrekt fort: „Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet, so daß nicht einmal das Interesse der Selbsterhaltung zur Geltung kommt. Für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen.“ – Und durch den Rostbelt geht ein Ruck: Wenn Amerika wieder groß wird, werden wir alle reich. Folgen wir also dem Führer.

Mag der Führer oder Messias Donald im Kopf „krank“ sein – die Massen, die ihm folgen und auch vier Wochen nach der Inauguration zustimmen, sind es nicht. Sie sind – die Massen. Und verhalten sich so. Krank wird an ihnen aber die Demokratie als Idee, Modell, System und Wirklichkeit. Die deutschen, die russischen, die türkischen und jetzt die amerikanischen Massen demonstrierten und demonstrieren einen von der politisch korrekten Rhetorik immer wieder unterdrückten und tabuisierten Hang zum „herd instinkt“ zur „group mind“, wie sie denn als Herde auch zu Kirchentagen pilgern So führte es vor einigen Jahren ein Plakat anläßlich einer solchen frommen Großveranstaltung drastisch und völlig unironisch vor: Eine Schafherde mit Hirten zog zum Kölner Dom, dessen Silhouette sich am Horizont abzeichnete.

Demokratieverächter, darunter viele Philosophen noch im 19. Jahrhundert, stimmten Goethes Herzog Alba aus dem Trauerspiel „Egmont“ zu, wenn dieser meinte: „Ein Volk wird nicht alt, nicht klug; ein Volk bleibt immer kindisch.“ Trotzdem funktionierte in den USA die Demokratie über zwei Jahrhunderte lang und konnte ausstrahlen auf viele Teile der Welt, wenn sie sich in gewisse Gegenden auch nicht exportieren ließ. Jetzt aber steht die Demokratie dort am Abgrund, wo sie immer am stärksten war. Nicht wenige Beobachter warnen vor einer Diktatur, im „besten Fall“ vor einem Bürgerkrieg, der diese abwenden könnte. Die Demokratie ist dann nicht mehr die beste aller schlechten Regierungsformen. Sie könnte sich historisch überholt haben, wenn das Äon der Massen wirklich, nämlich im Internet-Zeitalter, anbricht. Diese User-Massen brauchen weder Demokratie noch Freiheit zum selbständigen Denken. Es sind immer nur Individuen und kleine Interessengruppen, die danach verlangen und immer noch Bücher lesen. Die Massen sehnen sich nach dem guten König Donald, und ihnen ist wurscht, ob irgendwelche  selbsternannten Ferndiagnostiker „Unzurechnungsfähigkeit“ und „Überforderung im Amt“ konstatieren. Sie wollen ihn so stark und männlich und pussygrabschend, wie er ist, bis sie eines Tages in den Abgrund stürzen, den er unter ihren Augen gräbt. Wir Deutschen können Lieder davon singen.

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