Krebsgeschwüre und andere Krankheiten

Es ist noch nicht lange her (2014), als der letzte Gotteslästerer nach dem deutschen Gesetz (§ 166 StGB) zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Er hatte den Islam im Internet als „Krebsgeschwür“ bezeichnet. Das Bild suggeriert, hier handle es sich um eine im Zweifel tödliche Krankheit, die Metastasen bilde und deshalb hochgefährlich sei. Ein Jahr nach diesem Urteil beschrieb Michel Houellebecq in seinem Roman „Unterwerfung“ den Verlauf einer solchen Erkrankung. Er wurde nicht verurteilt, zumal zeitgleich mit dem Erscheinen des Romans sich das Charlie-Hebdo-Massaker ereignete. Man wußte danach offenbar mehr über den Islam. Im vergangenen Jahr erschien von Boualem Sansal, der 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hatte, also wohl im Grunde ein friedliebender Mensch ist, der Roman „2084 – Das Ende der Welt“. Offenkundig eine Hommage an George Orwell und seine Dystopie „1984“. „Die Islamisierung schreitet voran. In bestimmten Ländern geht das recht schnell. Die Frage ist, wohin diese Entwicklung führen oder ob sie aufhören wird. Das hängt von uns ab“, mahnte der Autor in einem Interview.

Wer jetzt vermutet, Sansal sei „islamophob“ und marschiere bei Pegida mit, läuft geradewegs in jene Falle, die uns die neue Rechte und die Wir-sind-das Volk- Schreier stellen. Wenn ihre Vordenker behaupten, der Islam sei weniger eine Religion als eine politische Ideologie mit der expliziten Tendenz zur Weltbeherrschung, gilt dies in politisch korrekten Kreisen als Verleumdung einer „Hochreligion“. Nicht weil die Behauptung nicht zu belegen ist, sondern weil sie von „rechts“ kommt. So aber können wir die Auseinandersetzung mit Pegida & Co. nicht gewinnen. Denn auch sie haben recht, wo sie recht haben, auch wenn die kruden Kontexte ihrer Islam-Kritik wieder kritikwürdig sein mögen. Sansals Gottesstaat „Abistan“ist in Saudi Arabien und im Iran längst Wirklichkeit geworden. Länder wie Pakistan und das ehemals liberale Indonesien bewegen sich in diese Richtung. Dort steht auf Blasphemie die Höchststrafe, und der Koran wird so ausgelegt, daß die Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten, die Frauenverachtung, die er auch predigt, sein Kernbestand zu sein scheinen. Viel bleibt von Allahs Barmherzigkeit nicht übrig. Davon wissen vor allem die Frauen dieser Länder traurige Choräle zu singen.

Wenn wir zu diesen Entwicklungen nicht so „radikal“ (die Wurzeln betrachtend) Stellung nehmen, wie es die Fundamentalisten verdienen, wenn die muslimischen Intellektuellen, mit, wie Sansal sagt, „ohrenbetäubendem Schweigen“ reagieren, dann dominieren schließlich jene die Islam-Debatte, die sich gerade um Donald Trump gruppieren: die schrecklichen Vereinfacher, deren unterkomplexes Weltbild dem ihres Widersachers Islam durchaus ähnlich ist. Der Islam, die in jeder Hinsicht reaktionär versteinerte Spielart des Monotheismus, wird gleichgesetzt mit „den Muslimen“, also den Menschen, denen der Zufall oder Allah zumutete, in den Ländern unter der Fuchtel des Propheten geboren zu werden. Wir können sie nicht „retten“, aber wir können versuchen, sie zu verstehen, wenn wir uns mit jenen auseinandersetzen, die aus dem innersten Kreis ihrer Kultur Trauriges berichten: Ayaan Hirsi Ali, Hamed Abdel-Samad, Abdelwahab Medeb, Ibn Warraq, Boualem Sansal und andere. Sie vermitteln uns sehr authentisch etwas vom Ursprung und der Verbreitung jener Metastasen, die als solche zu benennen ein ahnungsloses deutsches Gericht für bestrafungswürdig gehalten hat. Überhaupt ist die anhaltende Ahnungslosigkeit unserer Politiker, Juristen und auch christlichen Theologen das Einfallstor für jene Metastasen, die Houllebecq für Frankreich seherisch beschreibt. Eine mögliche Konsequenz, die den Gottesstaat verhindert, wäre dann die Herrschaft der Marine Le Pen. Wir sollten uns, wenn es irgend möglich ist, die Wahl zwischen Krebs und Cholera ersparen.

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