Atheismophobie – oder: verfolgter Unglaube

Eine Phobie ist eine neurotische Form der Angst. Etwa vor Spinnen und Mäusen. Wer sich einmal als Atheist wissensdurstig in einen christlich-muslimischen Gesprächskreis hineinbegeben hat (etwa aufgrund einer einladend werbenden Zeitungsanzeige) kann sich selbst erleben als überdimensionale schreckenerregende Spinne. So geschehen in einer mittelgroßen deutschen Stadt, wo sich eben solcher Verein mit dem Ziel christlich-muslimischer Annäherung mit dem kuschligen Namen“Muchri“ gegründet hatte. Der Atheist gibt sich als solcher zu erkennen. Die anwesenden Muslime erkundigen sich bei ihrem Vordenker. Was ist das? Einer, der nicht glaubt, daß es einen Gott gibt. Wie bitte? Er glaubt nicht an Gott als den Schöpfer aller Dinge? Kopfschütteln. Murmeln.Irritiertes Lächeln. Der Mann muß verrückt sein. Die anwesenden Christen haben einen präziseren Begriff vom Phänomen Atheismus, müssen aber auch ihr Befremden über den Eindringling unterdrücken. Sie bitten dennoch um Fragen an die Muchristen.

Der Atheist fragt: Was trennt euch? Ihr habt den einen gemeinsamen Gott. Oder? Ihr habt beide das Jenseits. Das Paradies mit dem ewigen Leben. Die Hölle mit der ewigen brennenden Verdammnis. Ihr besteht beide auf den Glauben an diesen Gott, um gerettet werden zu können vor den Flammen der Hölle. (Die Christen sehen das heute weniger drastisch).  Warum also bekriegt ihr euch oder bildet Gesprächskreise, um das Bekriegen zu verhindern? Es käme aber doch auf Details an, auf die Rituale, das Fasten, das Beten ist die Antwort. Sie machten die Individualität einer Religion aus. Der Atheist fragt: wie wichtig sind solche feinsinnigen Unterscheidungen für euch? Sie verstehen schon diese Frage nicht mehr.  Was sie verbindet, ist die Ablehnung von jemand, der eine Welt ohne Gott für möglich und sinnvoll hält und der sich anmaßt, in solcher Welt einigermaßen angstfrei zu leben. Als könne er sich selbst erlösen. Wenn aber jemand eine Welt  für möglich hält, die ohne Schöpfer und Richter auskommt, fühlen sie sich bedroht. Kann man so leben? Sollte es möglich sein:  einfach leben, lieben, sterben – und dann nichts?!

Die Welt ohne den Gott, an den einst alle glaubten, ist eine europäische Erfindung, manche würden sagen: Errungenschaft. Der buddhistische Atheismus oder der Konfuzianismus Ostasiens sind dagegen quasi autark. Sie entsprangen nicht der Auseinandersetzung mit einer etablierten theistischen oder deistischen Sinnstiftungskultur mit dem Kern Abwehr der Todesangst (Jenseitsglaube). Im heutigen Islam, der rigidesten Form des Monotheismus, meint die sog. Shahada-Formel „Es gibt keine Gottheit außer Gott“ nicht nur die Zurückweisung des Polytheismus, sondern auch die Zurückweisung des Atheismus. Im bevölkerungsreichsten muslimischen Staat, Indonesien, sind alle großen Religionen zugelassen – nur der Nichtglaube ist nicht erlaubt. Dahinter mag wie woanders auch die Vorstellung stehen, der Un-Gläubige sei eigentlich ein Un-Mensch. Menschsein und Glaube an Gott seien nicht voneinander zu trennen. Ungläubige wären dann so etwas wie Untote, Zwischenwesen, Gespenster. Sie hätten keine Moral und keine Sittlichkeit. Was aber wohl die Gläubigen am meisten ängstigt, ist die Vorstellung, ihnen könnte das jenseitige Paradies quasi madig gemacht werden, wenn die Gottlosen den Wert und die Schönheit des Diesseits priesen und entsprechend mehr oder weniger fröhlich darin lebten .Der Islam etwa als Religion des Todes setzt alles auf die vor allem sinnlichen Freuden (Frauen, Wein) des Jenseits und auf einen Richter am Jüngsten Tag, der die Gläubigen mit einer Art sexuellem Schlaraffenland belohnt. So bändigt er seine im Diesseits gedemütigten, frustrierten, teilweise verelendeten Massen, deren diesseitige Freiheit nicht darin besteht, ihr persönliches Glück zu suchen, sondern die Gesetze Allahs zu erfüllen. Diesseits-Gläubigkeit würde die bestehende Ordnung in Frage stellen, letztlich zur Revolution führen wie im Zeitalter der Aufklärung in Europa. Von einer auch in christlichen Gesellschaften verbreiteten Atheismophobie zu reden, wäre durchaus angemessen. Einer der bedeutendsten Denker des 17./18. Jahrhunderts, Leibniz, erkannte im heraufkommenden Atheismus eine Gefahr für die Menschheit. Dies war im Wortsinn eine phobische Reaktion, zumal Leibniz in einem Zeitalter grausamer Religionskriege lebte..

Auch heute noch grenzt man in vielen Ländern die Atheisten aus, verfolgt sie, steckt sie in Gefängnisse und richtet sie hin, wie ein Heidelberger Symposion unter dem Titel „Verfolgter Unglaube“ herausgearbeitet hat. Das Christentum, nachdem es in der Spätantike Staatsreligion geworden war, hatte sich nicht anders als heute der Islam etwa in Pakistan oder Bangladesh verhalten. Seine Ideologie könnte man mit dem Philosophen Hans Blumenberg als „theologischen Absolutismus“ charakterisieren.  Monotheisten dulden nicht nur andere Religionen nicht – sie erkennen in den Ungläubigen den gefährlichsten Feind. Auch heute noch gehen christliche Theologen von der Vorstellung aus, wer keinen Gott habe, habe auch keine Moral. Dagegen hatte der französische Frühaufklärer Pierre Bayle schon im 18. Jahrhundert die These gesetzt, nur ein Staat aus Atheisten könne ein guter und einwandfrei funktionierender Staat sein. Das mag einem übertrieben vorkommen, aber die heutige Weltsituation, vor allem der religiös fundierte Terror, lassen Bayles Idee nicht mehr ganz so absurd erscheinen, wie sie seinen Zeitgenossen vorgekommen sein mag.

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