Die Angst und das Mundabwischen

Als der Todes-Trucker Anis Amri, der Unfaßbare, den Berliner Weihnachtsmarkt befuhr, gab es nicht nur Tote und Verletzte, sondern auch unbeschädigte Beobachter. Einer von ihnen beschrieb in einem TV-Talk seine kurz-, mittel- und wohl auch langfristige Reaktion so: „Mundabwischen und weitermachen.“ Der Mann scheint repräsentativ zu sein fürs Berliner Gemüt. Viele Kommentare haben dies Gemüt aus diesem aktuellem Anlaß wie eine hauptstädtische Spezialform des Heroismus beschrieben. Die Berliner lassen sich ihr hippes Leben nicht kaputtmachen. Wir sollten uns ein Beispiel nehmen und dem Terrorismus die Zunge rausstrecken.

Nach „Berlin“ und „Köln I/II“ (Silvester 2015/16) wurden Untersuchungen über das Verhalten der Frauen im öffentlichen Raum bekannt. Da war weniger von „Mundabwischen“ die Rede, sondern von gesteigerter Vorsicht und Angst, von der Vermeidung eben dieses Raumes. Der Terror hat offensichtlich eine spezifisch weibliche Bedrohungs- und damit Verhaltenskomponente, insofern das islamische (nicht „islamistische“) Frauenbild bei den religiös (nicht kriminell) motivierten Gewaltakten durchaus immer wieder eine Rolle spielt. Verachtung von und Gewalt gegen Frauen ist konstitutiv auch für den Gegenwarts-Islam. Die Verbannung der Frauen ins Haus, das also, was auch der Terror bei uns bewirkt, ist islamisches Gesetz. „Der Koran besiegelt die sexuelle Sklaverei der muslimischen Frauen“, schreibt die gläubige Muslima Nahed Selim voller Wut und Trauer in ihrem Buch „Nehmt den Männern den Koran!“ und fährt, mit Bezug auf Sure 2,223 fort: „Gott persönlich autorisierte den Mann, mit der Frau zu tun, was er will, und zwar wie und wann er will.“

Nur Ignoranten und berufsmäßige Verdränger und Beschöniger, deren unsere politische Elite einige vorzuweisen hat, können den Zusammenhang zwischen muslimischem Glauben und muslimischer Gewalt leugnen. Wer jetzt in pawlowscher Manier darauf hinweist, es gebe auch anderes motivierte, auch religiös anders motivierte Formen der Gewalt, dem kann bescheinigt werden: Er hat recht. Und wie! Indien z.B., wo die Muslime in der Minderheit sind, ist vielleicht das gewalttätigste Land, was Frauen betrifft. Aber diese Gewalt wird durch kein heiliges Buch gerechtfertigt. Dort blüht nur, ganz zu sich selbst gekommen, das Patriarchat. Nur tröstet der Blick auf Indien oder Afrika keine Frau, die in einem Land lebt, „zu dem der Islam gehört“. Sie entwickelt fast zwangsläufig eine Islamophobie.

Das ist das Alleinstellungsmerkmal des Islam im 21. Jahrhundert: daß er sich explizit zur Wiedergewinnung seines im 19. Jahrhundert gedemütigten Selbstbewußtseins auf seine Ursprünge, auf Koran und Hadith, auf das Vorbild des Propheten bezieht. Die Rigidität dieses Bezugs verhindert bei den muslimischen Massen und ihren Vordenkern jeden Anschluß an die Moderne, an säkulares Denken, an Toleranz ggü. „Ungläubigen“. Statt Säkularisierung findet in der islamischen Welt wie jetzt in der Türkei eine „Theologisierung des modernen Islam“ (Thomas Bauer) statt. So wurde der dogmatische Islam „modernitätskompatibel“. Die islamische Welt drifted weg vom Kontinent der Rest-Menschheit. In paradoxer Umkehrung globaler Bewegungen besteht Modernisierung im Islam in einer Stärkung des „Islamismus“, also in einer Rückkehr ins Mittelalter. Was wir „Islamismus“ zu nennen uns angewöhnt haben, ist nichts anderes als der moderne Islam. In den Theokratien von Riad und Teheran, im Kalifat des Islamischen Staats wurde die Idee von Allahs Herrschaft Wirklichkeit. Das macht für all die gedemütigten und perspektivlosen Muslime, die in der westlichen Welt leben (müssen), die Faszination des Dschihadismus aus. Anis Amri mag lange Zeit ein Kleinkrimineller gewesen sein – am Ende hatte er in Moscheen und befeuert von Reden radikaler Imame, die gar nicht friedlich unter uns leben, sein Lebensziel gefunden.

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