Maghrebinische Geschichten

Vor langer Zeit, in den Fünfzigern, war eine Sammlung satirischer, teilweise absurder Geschichten aus einem Fantasie-Land „Maghrebinien“, das man irgendwo in Osteuropa verortete, sehr populär. Der Autor hieß Gregor von Rezzori. Ihn wie seine Geschichten kennt heute kaum einer mehr. Um so bekannter ist Maghrebinien spätestens seit der Kölner Silvesternacht 2015. Und man weiß, daß es nicht in Osteuropa oder auf dem Balkan liegt. Es ist kein Land, kein Staat, aber es umgreift jene Länder zwischen libysch-ägyptischer Grenze und Atlantik in Nordafrika. In der Antike blühte hier Karthago, dann Rom, und der einflußreichste aller christlichen Theologen, Augustinus, der die Erbsünde folgenreich als quasi Geschlechtskrankheit definierte, stammt aus dieser Ecke. Dann kamen die Vandalen, Rom ging zugrunde, und schließlich brachten die Muslime einen neuen Glauben und eine neue Kultur. Ein Kind dieser Kultur, wenn auch kein zwangsläufiges, ist Anis Amri. So ähnlich hätte Gregor von Rezzori dessen Lebensgeschichte angefangen.

Amri ging nach Berlin, erfüllte seine Pflicht als gläubiger Muslim und wurde schließlich zum Märtyrer. Seine Stammes-, Kultur- und Glaubensbrüder, die ihre maghrebinische Kultur auch in Deutschland praktizieren, zeigten an Silvester 2016, daß sie auch nach all den Beschimpfungen, Diskriminierungen, Herabwürdigungen, die sie sich nach Silvester 2015 gefallen lassen mußten, weil einige hurenhafte weibliche Ungläubige sie provoziert und sie diese Provokation angenommen hatten, nicht einfach stillhalten würden. Fast heroisch mutet die Haltung an, die sie bewegte, in durchaus beträchtlicher Mannschaftstärke wieder an den Dom zu reisen. Und wieder gelang es einigen wenigen, Handys zu klauen und Frauen anzufassen, die dies nicht gewünscht hatten. Die Kölner Polizei, ebenfalls ein Jahr lang in der Schäm-dich-Ecke, sprach von „Situationen, die an das Vorjahr erinnerten“. Welche testosteronale Energie akkumulierte sich da in den Pulks junger maghrebinischer Männer!

Damit, daß das verzehnfacht Polizei-Aufgebot, das sogar noch verstärkt werden mußte, gerade ausreichte, um die erneute Übernahme der Stadt durch die maghrebinische Kultur zu verhindern, konnte niemand rechnen. Gruppen nordafrikanisch-arabisch aussehender Männer, die sog. „Nafris“, wurden eingekesselt, überprüft und wenn nötig der Stadt verwiesen. „Was haben Sie in Köln zu suchen?“ lautete die Frage der Polizei. Und wer nicht verbergen konnte, daß er sich wieder einen gewissen Jux machen wollte, mußte abziehen. Die Polizei und Frau Reker, die OB, konnten am Morgen eine Erfolgsbilanz ziehen.

Aber, muß besorgt gefragt werden, ging denn alles mit rechtstaatlichen Dingen zu bei diesen Einkesselungen und Überprüfungen? Aus der Netzgemeinde meldeten sich spontan Stimmen, die sofort den treffenden Begriff parat hatten: racial profiling.  Die anreisenden Maghrebiner wurden wegen ihres Aussehens unter Generalverdacht gestellt, obwohl noch keiner Frau zwischen die Beine gegriffen worden war. Zum Verdacht gab es keinerlei Anlaß. Da sei „Rassismus“ im Spiel. Auf jeden Fall hätten man den ersten Trump-Griff abwarten müssen. Man konnte ja auch nicht Amri festsetzen, ehe er den Weihnachtsmarkt befuhr. So und nicht anders funktioniert der Rechtstaat, sagte der Innenminister Jäger und stellte sich damit vor Silvester, ohne es zu ahnen, in die Reihen der Polizei-Kritiker nach Silvester. Wo kämen wir denn hin, wenn wir jeden wegen eines „vagen Verdachts“ oder seines Aussehens festnähmen! Was „vage“ ist, bleibt der Deutungskunst offensichtlich manchmal überforderter Staatsanwälte und Richter überlassen – mit nicht selten tödlichen Folgen.

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Eine Antwort zu Maghrebinische Geschichten

  1. Anonymous schreibt:

    Die Ignoranz ist grenzenlos

    http://Www.spiegel.de

    Es ist schwer erträglich, dass in Deutschland nicht einmal etwas passiert, wenn beteits etwas passiert ist. Es ist zum verzweifeln.

    Gefällt mir

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