Was ist „Dummheit“ – und kommt sie an die Macht?

In den ersten Reaktionen auf die Trump-Wahl war nicht selten das Argument zu hören, in der weißen Unterschicht versammle sich eben das Ungebildetsein, das Ressentiment, die unkontrollierte Aggressivität zu einem Amalgam, das als „Dummheit“ zugegebenermaßen etwas lax zusammengefaßt werden könne. Es handle sich dabei um nichts, was nur durch einen niedrigen Intelligenzquotienten auszudrücken sei, sondern um eine Art Verwilderung des Denkens, Regression mentaler Fähigkeiten auf kindliche Stufen, hervorgerufen durch mediale Einflüsse und asoziale Milieus.

So zu denken und zu argumentieren ist anscheinend politisch inkorrekt und wird in eben jenen angeblich verdummenden und lügnerischen Medien des oberen Segments ja auch verurteilt. Wähler-Schelte wird zum Tabu erklärt. Zur Demokratie gehöre auch die Fairness des Verlierers  Als sei Demokratie eine Sportart. Der faire Deutsche von 1933 mußte anerkennen und von Jahr zu Jahr mehr anerkennen, daß Hitler von seinen Landsleuten geliebt wurde. Demokraten und Nazis wären sich einig. Oder? Daß diese Liebe vor allem ein Produkt umfassender Gehirnwäsche und unterbundener Informationsfreiheit war, also einer Art Doping, wird gemeinhin nicht bedacht. So war es aber beim Brexit, so war es bei Trump. Man hatte die Leute schlicht betrunken gemacht und systematisch desinformiert. Da stehen sie also winkend auf dem Treppchen und werden bejubelt, und niemand will daran erinnert werden, wie sie hinaufkamen- die Athleten aufs Treppchen, die Politiker an die Macht. Dem Doping dankbar müssen beide sein.

Nun kann sich „Dummheit“ aber auch auf einem ausgesprochen  elaborierten , weniger bekifften Niveau zeigen. Talkshows sind dafür die geeigneten Beobachtungsobjekte. Oder noch höher gegriffen: Interviews im Minderheiten-Medium Informations-Hörfunk. Ein Beispiel: Im WDR interviewt der Moderator Erdenberger den österreichischen Reporter und Kriegsberichterstatter Friedrich Orter, der sich lange in den Ländern des Islam aufgehalten hat und in einem Buch „Aufwachen!“ ruft und vor der Toleranz gegenüber der Intoleranz warnt. Mit strengem Unterton bemerkt Erdenberger, Orter bediene sich einer Begrifflichkeit der „Rechtsextremisten“, wenn er nicht zwischen „Islam“ und „Islamismus“ unterscheide. Als habe diese Unterscheidung eine sachliche, d.h. theologische, soziologische, historische oder schlicht „faktische“ Grundlage. Dem widerspricht Orter und beruft sich auf seine langjährigen Erfahrungen, auf „Fakten“ also, um die es dem Gegenüber offenbar gar nicht ging. Erdenbergers Einlassung reproduzierte nichts anderes als eine verbreitete Sprachregelung, ja – Gängelung, die im Verein mit „Generalverdacht“ und „Islamophobie“ schon viel Sand in die Gehirne sonst durchaus zurechnungsfähiger Zeitgenossen geschüttet hat, die jetzt die AfD anstarren wie den Gottseibeiuns.

Orter spricht das Frauenbild des Iran an. Zitiert wird der berüchtigte Vers 34 aus der Sure 4: „Die Weiber sind den Männern unterlegen. Die rechtschaffenen Frauen sind gehorsam und sorgsam in der Abwesenheit ihrer Gatten. Diejenigen aber, für deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet – warnt sie, verbannt sie in die Schlafgemächer und schlagt sie.“ Der Moderator, statt auf die Relevanz dieses Verses für das Frauenbild des gegenwärtigen Islam einzugehen, antwortet – auch ein geläufiges „dummes“ Stereotyp – mit entsprechenden frauenverachtenden Zitaten aus den Paulus-Briefen des Neuen Testaments: In der Bibel stehen doch auch schlimme Sachen. Orters Reaktion wirkt einigermaßen hilflos, als habe er ein ernsthaftes „Argument“ gehört und nicht wieder eine nachgeplapperte Formel. 

Weniger „dumm“ wäre eine Antwort gewesen wie die: Beide Religionen sind, weil Ideologien des Patriarchats, frauenfeindlich. Nur ist die Relevanz des Koran für die heutigen Muslime eine viel größere als die der Bibel für heutige Westler. Einzig reaktionäre Evangelikale und Katholiken mögen heute noch ihren Frauen den Mund verbieten und sie zur Unterwürfigkeit ermahnen, wie es Paulus befahl. Hier zeigt sich die Schwäche eines gläubigen Katholiken angesichts der vielfachen Zumutungen des Islam. Um beim Frauenbild zu bleiben: der Katholik begibt sich, wenn er das islamische kritisiert, immer in eine Art Selbstwiderspruch, in einen Widerspruch zwischen dem, was er sagt und denkt und dem, wie er als Glaubender handelt, denn die Haltung seiner Kirche, der er folgt und an deren Wahrheiten er glaubt, widerspricht seiner privaten vielleicht frauenfreundlichen Haltung. Das Frauenbild des abrahamitischen Katholizismus ist genau so patriarchalisch wie das des abrahamitischen Islam. Kritisieren, ohne in jenen Widerspruch zu geraten, kann es nur, wer weder Muslim noch Katholik ist und begriffen hat, daß das Patriarchat nach 5000 Jahren Existenz noch lange nicht am Ende ist.

Orter ist wahrscheinlich Christ und merkte, daß er den Widerspruch nicht vermeiden kann, wenn er Paulus akzeptiert und den Koran kritisiert. Dieses Dilemma führt zu merkwürdigen Gedankenakrobatiken und Wortverdrehungen, wenn etwa versucht wird, das muslimische Geschlechterbild (auch das Männerbild ist übrigens verheerend) irgendwie in Einklang zu bringen mit dem, was man als „jüdisch-christliche Leitkultur“ zu bezeichnen wieder wagt. Viel Heuchelei ist dabei im Spiel, denn genau jene Leitkultur – man sehe sich auch die ultraorthodoxen Juden an – teilt im Grunde seit Genesis 2 das islamische Geschlechterbild. Den Islam an dieser Front anzugreifen, ist so ziemlich das „dümmste“, was einem gläubigen Juden oder Christen einfallen kann. Die sollten zuerst einmal ihre eigenen Schlafzimmer von jahrtausendealten Regeln säubern und sich als Männer des Patriarchats im Spiegel betrachten.

 

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