Big Brother ante portas?

Eine U-Bahn-Unterführung. Eine Frau, die eine Treppe hinuntergeht. Eine Gruppe von Männern, Bierflaschen in der Hand. Einer von ihnen geht hinter der Frau her und tritt sie kräftig in den Rücken. Sie fällt mehrere harte Stufen hinunter. Sie bricht sich den Arm, aber sie ist nicht tot. Der Täter ergreift die zuvor abgestellte Flasche, zieht an seiner Zigarette und geht seelenruhig weiter.

Die Videokamera im Berliner U-Bahn Tunnel filmt die Szene. Der Täter ist klar zu erkennen. Die Fahndung beginnt. Der Film von der Tat wird erst Wochen später veröffentlicht.  Mit seiner Hilfe wird der Täter identifiziert, der unterdessen fröhlich durch Europa gereist ist und, nichts Böses ahnend, irgendwann in die Stadt seiner Tat zurückkehrte. Jetzt erst konnte man ihn fassen. Er hätte auch irgendwo in Spanien oder Bulgarien, seiner Heimat, untertauchen können, und man hätte ihn nie gefaßt.

Nach seiner Tat und während seiner Reise genoß er den Schutz des Rechtstaats. Besser: seine Daten, die zu veröffentlichen verboten war, genossen diesen Schutz. Wir alle kennen aus der Presse die Bilder von EC-Karten-Dieben, die vor acht Wochen ein Konto leerräumten, dabei fotografiert wurden, aber, weil  das Foto nicht veröffentlicht werden durfte, nicht gefaßt werden konnten. Der Staat, dem wir das Gewaltmonopol aus guten Gründen zubilligen, bindet sich die Gewalt-Hände aus weniger guten Gründen, weil er selbst, dieser Eindruck drängt sich auf, daran zweifelt, wirklich ein Rechtstaat zu sein. Zumindest sein höchstes Gericht zweifelt zuweilen daran.

Wir erinnern uns an die Hysterie von 1987, als gegen eine Volkszählung in der Bundesrepublik ein Aufstand organisiert wurde. Der Staat, so die Initiatoren des Aufstands, wolle eine Totalüberwachung aller Bürger, die damit unter „Generalverdacht“ gestellt würden. Damals begann die Karriere dieses unsäglichen Begriffs. Der Staat Bundesrepublik habe die Tendenz, vermutete man, sich in jenes Gebilde zu verwandeln, das George Orwell in „1984“ beschreibt. Also in eine totalitäre Diktatur mit einem Großen Bruder an der Spitze, der alles sieht und alles weiß. Wie der böse liebe Gott. Dem müsse schon in den Anfängen, und ein solcher sei die Volkszählung, entgegengetreten werden.

Das links-grüne Deutschland, jenes, das die AfD für seit 1968  versifft und reinigungsbedürftig hält, fürchtet Big Brother wie die Frommen den Teufel . Beide sind allgegenwärtig. Big Brother etwa bedient sich der Videokameras, die öffentliche Räume überwachen, um sich Daten unbescholtener Bürger anzueignen. Zwar auch bescholtener,  aber die stellen eine verschwindende Minderheit dar und könnten vernachlässigt werden. Wie oft etwa versetzt ein daraufhin erst Bescholtener einer Frau schon einfach einen Tritt in den Rücken? Sehr selten. Kann man vernachlässigen. Sie hat sich ja nur den Arm gebrochen. Wichtiger sind die Daten all der Unbescholtenen. Mit denen kann man viel Übles anstellen. Was genau, wissen wir nicht, aber man muß den Anfängen wehren.

Scherz beiseite: Die hysterischen Daten-Fetischisten dürfen sich nicht wundern, wenn sie mit ihrem „1984“-Trauma in Zeiten asymmetrischer Konflikte zwischen Staat und Terrorismus jene unbescholtenen Bürger, denen der Generalverdacht erspart bleiben soll, in Scharen in die Arme der „Rattenfänger“ treiben. Die ehemals berechtigte linke und grüne Kritik an der bundesrepublikanischen Gesellschaft ist zur Ideologie, ja zur Religion verkommen mit Pastorinnen wie Katrin Göring-Eckardt und verwirrten Feministinnen wie Renate Künast an vorderster Front. Die Argumente gegen Big Data und Videoüberwachung entbehren vielfach der Logik, wenn etwa behauptet wird, Videoüberwachung verhindere keine Anschläge. Daß sie wie im Fall des U-Bahn Treters oder jener syrischen Flüchtlinge, die einen Obdachlosen in Brand setzten, entscheidend zur Aufklärung beiträgt, wird gern heruntergespielt.

Niemand unterstellt jedoch  den Ideologen Sympathien mit Dschihadisten und Sadisten wie dem U-Bahn-Treter, aber ziemlich sicher muß man bei ihnen eine Art religiöser Verblendung im Sinne ihrer Dogmatik voraussetzen. Insgeheim halten sie wie damals die RAF diesen Staat zumindest für einen potentiellen „Schweinestaat“. Alles mögliche Böse ist ihm zuzutrauen. Öffentlich würde sie das natürlich nie zugeben, dienen sie doch vielfach diesem Staat im politischen Ämtern, etwa im Berliner Senat. Aber an das potentielle Böse in diesem Staat, an eine Art Ursünde glauben, das gehört zum Dogma. Berechtigter wäre, das zuweilen bodenlos Dumme staatlicher Entscheidungen einer nicht nur wahltaktischen Kritik zu unterziehen.

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3 Antworten zu Big Brother ante portas?

  1. Anonymous schreibt:

    Es stellen sich genau drei Fragen.

    1.) die genannten Tatan fanden trotz Überwachung statt
    2.) verhindern, rein statistisch und relevant, Kameras Straftaten?
    3.) falls ja, ist es sichergestellt, dass die staatlichen Kontrollmechanismen greifen. Die Angst ist ja die vor dem um sich greifenden Iliberalismus. Nicht auszudenken, wenn eine solche Überwachungsinfrastruktur einemErdogan oder Putin oder einer AfD in die Hände fällt

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    • Anonymous schreibt:

      P.S. wir Haben ein Demokratieprobem. Antidemokraten entern mit demokratischen Mittel die Demokratie (Polen, Ungarn, GB) die von Ihnen selber abgelehnt wird. Davor muss sich der Staat schützen, scheint dem jedoch hilflos ausgeliefert.

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  2. neptun16 schreibt:

    Die zugegebenermaßen etwas vertrackte Pointe des Artikels ist ja, daß jene Haltung, die er „Datenfetischismus“ nennt, gerade jene Kräfte stärkt, die die illiberale Gesellschaft wollen – bei uns die AfD. Es ist wie in einer Freundschaft oder Ehe. Wenn ein Grundvertrauen (hier: in die Schutzfunktionen des Staates) fehlt bricht das Gebilde des „Staatsvolkes“ auseinander und die Trumps kommen an die Macht, Die einmal berechtigte links-gründe Opposition ist zur Religion verkommen, was jeder Debattenbeitrag von Karin G-E. und Renate K. beweist. Kritik als irrationale stärkt nur die kritisierten Alternativlosen, Globalisten und Machos aller Art. Sie macht sich unglaubwürdig, wenn nicht lächerlich.

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