Biblisch-koranische Grausamkeiten

Nehmen wir zu Weihnachten folgenden Vers: „Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel.“ Dabei hatten weder die Einwohner der Stadt Jericho noch ihre Haustiere, Ochs und Esel, den Eroberern etwas getan. Diese folgten nur dem Befehl ihres Gottes, den sie Jahwe nannten. Der Text stammt aus dem alttestamentarischen Buch Josua (6, 21). Die Zahl solcher zum Massenmord aufrufenden Verse ist wie die entsprechender im Koran beträchtlich. Wer die Heiligen Bücher nicht historisch-kritisch liest, sondern als ewiggültige Offenbarungen des jeweiligen Gottes, der vielleicht immer derselbe ist, gerät in Rechtfertigungsnöte. Wenigstens ist der Koran ohne die Tora, deren Geschichten er irgendwie radebrechend nacherzählt, nicht denkbar  Hätte es diesen Begriff und das, was er meint, im 7. Jahrhundert schon gegeben, hätte man Mohammed als üblen Plagiator zurechtweisen müssen.

Warum ist heute die Charakterisierung Jahwes als „grausamer Gott“ überhaupt noch relevant, wo wir doch Jeus haben und Margot Käßmann, die uns vom „liebenden Gott“ erzählen, der uns – Gott behühte! – nichts Böses antun will und unseren Haustieren auch nicht? Weil es in Käßmanns Kirche, der evangelischen, einen Trend gibt, dem Alten Testament in den Predigten wieder mehr Gewicht zu geben. Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet mit dem Ziel einer Revision der Perikopenordnung, also der Bibel-Stellen, über die gepredigt werden soll. Die eigentlichen Gründungsdokumente des Christentums und die ältesten Texte des Neuen Testaments, die Paulinischen Briefe, gelten den Revisoren als zu komplex, zu dicht, zu theologisch einseitig. Diese Briefe sind zwar auch nicht ohne Kenntnis der Tora zu verstehen, in der Paulus vor allem eine Vorgeschichte und Verweis-Geschichte auf den Messias Jesus erkennt, aber ihre anstößigen Elemente wie jene Josua-Episode sollten dabei doch nicht einfach unter den Tisch fallen. Würde über sie und andere entsprechende gepredigt, begriffen die Kirchgänger vielleicht mehr von den zerstörerischen, ja menschheitsfeindlichen Potentialen ihres Glaubens. Für Paulus, einem Zeitgenossen römisch-antiker Unmenschlichkeit, waren die Ausrottungsfeldzüge Josuas wahrscheinlich weniger ein Problem.

Je mehr die Kirche sich von der eigentlichen jesuanischen Liebes-Botschaft entfernt und das Messias-Narrativ, die Erzählung vom endgültigen Erlöser, den etwa die Propheten angekündigt hätten, wieder nach von rücken möchte, fällt die unterdessen einigermaßen aufgeklärte Theologie in die Nähe des Aberglaubens zurück, wo all die phantastischen Wundergeschichten von Noah bis Moses und David, die angeblich alle auf Jesus verweisen , dem Kirchenvolk wieder ein  einfaches, streng-väterliches Gottesbild vermitteln sollen. Die Gegenwart, das lehrt auch dieses Beispiel, ist voller Backlash-Gefahren. Sigmund Freud hoffte noch, wo Es war, würde Ich werden, das Bewußtsein würde das Reich des Unbewußten erhellen, die Vernunft den Mythos ablösen. Der Blick etwa auf das trumpistische Amerika verstärkt allerdings Zweifel.

Das Alte Testament ist ein großartiges Reich des Mythos, eine unvergleichliche Selbstbeschreibung des Menschen in seiner Geschichte – aber eben in mythischer Gestalt. Auch die Erzählung von Christus ist ein Mythos, aber er erzählt letztlich von Liebe und Hingabe und nicht von scharfen Schwertern und auch nicht von einem Gott, der Opfer fordert, um nicht beleidigt zu sein, auch wenn viele heute noch den Kreuzestod so interpretieren. „So hätte es eben sein müssen, um einen Gott umzustimmen“ (Hans Blumenberg,  Matthäuspassion)

 

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