Das Ur-Postfaktische

Als wenn es je auf „Fakten“ angekommen wäre! Und was sind „Fakten“? Interpretierbare Beobachtungen. Etwa: die Erde ist flach und hat einen ozeanischen Rand, über den man irgendwohin stürzen kann. Jahrtausende lang war das ein „Faktum“. Jeder, der sehen konnte, mußte es bestätigen. Auch heute halten noch viele Trump-Wähler und sogar Angehörige seiner Mannschaft diese Sicht der Dinge für „faktisch“. Daß es Bilder aus dem All gibt, die das Kugelige der Erde beweisen, stört die Flach-Erde-Gläubigen nicht. Die Fakten der Wissenschafts-Welt existieren nicht in einer Welt, die es parallel gibt etwa als Welt des Glaubens. Diese Welt in ihrer Glaubens-Vielfältigkeit entstand als Selbst-Beschreibung der Menschen in ihrer Geschichte. Ihre Gestalt war ursprünglich der Mythos und die aus ihm erwachsende Religion. In dieser Form beanspruchte sie Wahrheit und berief sich auf Überlieferungen von „Fakten“, die irgendjemand irgendwann beobachtet und weitererzählt hatte. Irgendwann wurden sie aufgeschrieben und in Heiligen Büchern bewahrt. Postfaktisch, aber „wahr“ in einem ganz spezifischen Sinn. Nur wenige zweifelten am Faktischen der Gründung Roms durch Äneas, an Moses‘ Durchquerung des Roten Meeres, an der Selbstoffenbarung Allahs durch den Erzengel Gabriel oder an der Auferstehung Jesu. Eine parallele Welt der geglaubten Fakten hatte die Welt der überprüfbaren Beobachtungen folgenreich für Jahrtausende verdrängt. Mohammed – und an ihm als einem relativ Späten kann man es exemplarisch studieren – hielt die Gesamtheit der Überlieferung der Juden und Christen, die er für sein Koran-Projekt modifiziert übernahm, für „faktisch“, wenn auch „verfälscht“. Ihm wie seinen Zeitgenossen wäre es nicht in den Sinn gekommen, Figuren wie Adam, Noah, Abraham, Moses für gänzlich unfaktische Gestalten eines Mythos zu halten. Eine Trennung zwischen Faktischem und Mythischem gab es weder für ihn, seine Zeitgenossen noch für die meisten Menschen bis heute.

Dieser Ur-Postfaktizismus, die Religionen, scheint jedoch in den Augen der Gläubigen, beobachtet man diese von außen, nicht vergleichbar mit der aktuellen und höchst brisanten Form, die gerade als „Wort des Jahres“ geadelt wurde. Gläubige glauben an die „Wahrheit“ des anti-faktisch Geglaubten. Credo quia absurdum. Trump-Gläubige hingegen halten nicht für „wahr“, was ihr Messias lügt  Sie halten die Kategorie „Wahrheit“ bzw. „Faktizität“ selbst für eine Zumutung. Weil man denken muß, um sich ihr zu nähern. Sie halten das Reflektieren, was also den Menschen eigentlich unterscheidet, für unzumutbar. Sie wollen fühlen. Miteinander fühlen. Sich wohlfühlen beim Abendgesumm der Mutter. Ihr Ziel ist die denkbar radikalste Regression in eine Art historischen Uterus: ehe die Welt hell und kalt wurde, war alles gut. Damals in den Fünfzigern. Damals war Mama Amerika groß und mächtig und konnte mich beschützen. Ein Mythos für Kleinkinder. In eine Kleinkind-Population hat sich die amerikanische Gesellschaft anscheinend so weit verwandelt, daß sie die Macht zwar nicht selbst ergreifen, aber erwählen konnte. Es ist nicht davon auszugehen, daß dies gut für die Menschheit ausgeht.

Ihre neue selbstverschuldete Unmündigkeit zwingt sie nicht nur unter die Knuten diverser Despoten, sondern verhindert nachgerade das Weiterbestehen der Zivilisation, wie wir sie zumindest im Westen kannten. Damit aber der Spezies selbst. Die postfaktische Welt wird ihre Gewaltpotentiale vervielfachen. Der religiöse und der politische Postfaktizismus wird sich gegen die intellektuellen bzw. wissenschaftlichen „Eliten“ verbünden und alle die, die nicht „glauben“, sondern wissen wollen, eliminieren. In seinem Buch „Gottes Eifer“  äußert Peter Sloterdijk den „begründeten Verdacht, die vom Christentum und vom Islam zu verantwortenden Gewaltakte seien keine bloßen Verkehrungen gewesen, die das Wesen dieser an sich gutartigen Lehren verfälschten, sie stellten vielmehr Manifestationen eines von ihrem Bestand unabtrennbaren Potentials dar“. Diese Potential ist durch die jüngste amerikanische Revolution gewaltig gewachsen.

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