Die Versteher verstehen

Gegen den verbreiteten Unmut derer, die die Wahl Trumps sowohl in Deutschland als auch in Europa und an beiden Küsten der USA zur einer zivilisatorischen Schande, wenn nicht gleich zum Startschuß für den Weltuntergang hochstilisierten, organisiert sich langsam aber anschwellend der Chor der Wähler-Versteher und Bewahrer demokratischer Regeln. Diese Regeln schreiben vor, den Willen des Demos zu achten, auch wenn er einem nicht paßt. Wahre Demokraten seien faire Verlierer. Politik sei so etwas wie Sport – mit Regeln und einem Verhaltenskodex für die, die sich am Spiel beteiligen. Fair Play nennt man das. Tennisspieler mögen sich hassen, nach der Partie reichen sie sich übers Netz die Hände. Beim nächsten Spiel kann der Verlierer ja wieder der Sieger sein.

Jetzt steht nach dem Matchball auf der einen Seite des Netzes Donald Trump, reicht Hillary grinsend die Hand und raunt ihr zu: „Ich stecke dich nicht in den Knast!“ Das hat Größe, nicht wahr. Er hätte ja jetzt die Macht, aber siehe, er mäßigt sich. Und in vier Jahren gibt es ein neues Spiel. Warum also der ganze Alarmismus, diese Schwarzmalerei? Nie was von Schwarmintelligenz gehört? Schon die alten Griechen (Aristoteles), die Erfinder der Demokratie, haben an sie geglaubt. Und heute gehen kluge Menschen wie Jürgen Habermas, der geläuterte Altachtundsechziger, davon aus, daß in freien Diskursen aller Mitglieder der Gesellschaft sich durch den vernünftigen Austausch von Argumenten so etwas wie eine kollektive Vernunft herausmendelt. Parlamente und Gerichte achten darauf, daß die Diskussionen nicht aus dem Ruder laufen und Mord und Totschlag  die Folge wären. Leider funktionierte das in Deutschland zwischen den Weltriegen im vorigen Jahrhundert nicht so richtig. Etwas lief aus dem Ruder, und ein starker Held mußte kommen, um die Ordnung wiederherzustellen. Wir kennen das Ergebnis: die Bundesrepublik Deutschland. Ein demokratischer Musterstaat. Man muß nur an den listigen Weltgeist galuben, der durch Katastrophen hindurch der Vernunft zum Siege verhilft.

In den USA des Jahres 2016 erlebten aber die Befürworter herrschaftsfreier Diskurse, daß diese sich in Rituale der gegenseitigen Schmähungen und Anhäufungen von Lügen, pubertären Muskelprotzereien und obszönen Zungerausstreckereien verwandelt hatten, wie es die Welt nur von Schilderungen vormoderner und exotischer Vorspiele bei blutigen Stammesauseinandersetzungen etwa der Maoris kannte. Diese Form der Endkampfvorspiele gebar eine für moderne Gesellschaften, die sich der Aufklärung verpflichtet dünkten, ganz neue Form des politischen „Handelns“, die schließlich im Wort des Jahres das Neue knackig zusammenfaßte: Postfaktizität.

So hatten die mächtigsten Vertreter der Gattung Homo sapiens, die sich seit einigen Jahrzehnten in der Neuen Welt aufhalten, die altweltlichen Griechen und die Aufklärer endlich hinter sich gelassen wie die Briten das alte Europa. Manche verstanden schon, daß ein neues Zeitalter gerade anbrach. Und daß es kein goldenes sein würde. Die Massen, das Volk, der Demos, dieser Humus der Demokratie und Träger jener überindividuellen Vernunft, hatte sich für neue Spielformen und Regeln, auch für eine ganz neue „Vernunft“ entschieden, die ihm sein neuer Held, der in vielen an jenen alten mit dem Bärtchen erinnert, in einer neuen Sprache vorgab. Und die ganz weise Vorausschauenden, die den ersten Schrecken überwunden haben, erheben nun die Stimme und empfehlen den immer noch Schreckensstarren, diese neue Welt und ihre Repräsentanten (u.a. Pussygrabscher, Ku Klux Klan und Kreationisten) zu „verstehen“. Dies sei nachgerade eine Pflicht, denn die Putins, Kaczynskis, Orbans, Erdogans und jetzt Trumps und demnächst Marines hätten „das Volk“, den alten Demos, dessen Herrschaft ja „Demokratie“ ist, hinter sich. Noch nach den alten Regeln sei jede Entscheidung des Demos, die sich in freien Wahlen ausgedrückt hätte, zu respektieren. Einwänden, dies könne zur ultimativen Klimakatastrophe oder zum nuklearen Großfeuer führen, begegnet man fatalistisch gelassen: so weit werde es schon nicht kommen. Und wenn, habe man sich immerhin an die Regeln gehalten, die doch so lange funktioniert hätten. So werde, sagen nun kleinlaut und wissend, daß sie ein mächtiges Tabu verletzen, die Alarmisten, die Demokratie samt ihren Regeln zum Fetisch. Sie sollte den Menschen und ihrer Freiheit dienen. Jetzt bedrohe sie die Existenz. Und beim Betrachten der Weltgeschichte zeige sich, daß die Fetische (Dogmen, Ideologien, Religionen etc.) immer mächtiger waren als der Selbsterhaltungstrieb. Jetzt endlich können wir ihn, den manchmal lästigen und Feigheit nur verdeckenden Trieb hinter uns lassen und den letzten Akt des Welttheaters mit der Öffnung des Vorhangs in Angriff nehmen. Die Suizid-Bomber machen es uns vor.

Karl Kraus, der von alldem noch nichts wissen konnte, nannte das Stück, das den Ersten Weltkrieg kommentierte, „Die letzten Tage der Menschheit“. Etwas übertrieben, scheint uns. Denn es kamen ja noch herrliche Zeiten. Und irgendwann ist immer Schluß mit lustig.

 

 

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