Zizek und wie er die Welt sieht

Die Schockwellen klingen ab. Die Stunde der Analysten hat geschlagen. Unter ihnen gibt es einige unerschrockene Optimisten. Slavoj Zizek etwa erkennt im Gastbeitrag für die ZEIT in Trump sozusagen einen Retter wider Willen. Das geht so: Natürlich kann ein Trump nicht die Welt vor sich selbst retten, aber die Linke, genauer: die „radikalere Linke“, wird dies tun. Die wird nämlich aus ihrem Dämmerschlaf, in den sie seit dem Untergang des sozialistischen Imperiums gefallen ist, aufwachen, sich die Augen reiben und – nachdem sie Trump und sein Horror-Clown-Team wahrgenommen hat – aufspringen und die nötige Revolution entfachen. Oder so ähnlich. Zizek beruft sich auf die Hölderlin-Weisheit „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, wonach jede Gefahr (hier also Trumps hinterweltlerische Vormoderne) die Chance in sich birgt, daß die Menschheit vernünftig wird, die Waffen der Aufklärung aus dem Bücherschrank holt und diese gegen die dunkle Materie in den USA in Stellung bringt, wo Trump-Zuarbeiter dem Kreationismus frönen, die Evolution leugnen (Vizepräsident Mike Pence) wie den Klimawandel und Überzeugungen huldigen wie der Young-Earth-Ideologie (die Erde wurde von 10 000 Jahren von Gott geschaffen).

Wer oder was ist diese Zizek-Linke, die zudem noch „radikal“ sein soll, also an die Wurzeln des Systems, das einen Trump und eine Hillary gebar, gehen würde? Denkt Zizek dabei an tapfere Kämpfer wie Tsipras oder Venezuelas Maduro oder Boliviens Morales oder gar an die deutsche Linkspartei mit Katja Kipping an der Spitze oder an sich selbst? Ist Labour im Brexit-Land „links“? Noch nerviger nachgefragt: Worin bestünde eine linke Politik? Wäre sie marxistisch oder sozialdemokratisch oder gar stalinistisch wie in China? Die Zizek-Linke ist ein ähnlich schwachsinniges Phantasma wie der Young-Earth-Glaube. An dem klebt Zizek, der anscheinend dem 68er Windelstadium nie entwachsen ist. Ehe diese Linke noch einmal nach ihrer Wiedergeburt das Kita-Alter erreicht hätte, würde Trumps Frankenstein-Brigade vollendete Tatsachen geschaffen haben, denn – wie vielfach von klugen Kennern Amerikas festgestellt wurde – die „checks and balances“ werden nicht mehr funktionieren angesichts der Machtverhältnisse nach der Wahl..

Die Zizek-Welt, schön nach links und rechts geordnet, ist in Wahrheit (faktisch) und nicht post-faktisch eine, in der entgegen dem Dichter Ernst Jandl Rinks und Lechts dauernd velwechsert werden, denn eigentlich ist ja die Pfarrerstochter eine Linke, denken viele ihrer rechten Parteifreunde. Deshalb, denkt vielleicht Zizek und wird schon von anderer Seite gefordert, soll sie Europa sowohl gegen Trump wie gegen Putin auf den dritten Weg führen. Wie es scheint, träumt Zizek einen Traum von der Erlösung von der Klassengesellschaft weiter in dem Modus, wie die Christen von der Wiederkunft des Herrn seit 2000 Jahren träumen. Ein unerbittlicher, alternativloser Traum. Er muß Wahrheit werden, sonst sind wir verloren. Das Böse würd siegen und das darf es nicht. Wer illusionslos auf die Welt blickt wie Noam Chomsky, der „linke Intellektuelle“ (Wikipedia), kann erkennen, daß die „gefährlichste Organisation der Geschichte“, die US-Republikaner, „entschlossen ist, so schnell wie möglich auf die Zerstörung des organisierten menschlichen Lebens zuzurasen“. Und das scheint sich nur um den Preis eines Bürgerkriegs verhindern zu lassen. Die deutschen Nazis hatten, obwohl sie es genutzt hätten, das Potential zur Weltzerstörung noch nicht. Die Zeiten haben sich geändert. Slavoj Zizek hat es noch nicht mitgekriegt. Möglicherweise aber Trump.

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2 Antworten zu Zizek und wie er die Welt sieht

  1. Said schreibt:

    Psychologisch hat Zizek recht, der Mensch lebt in Ambivalenzen, die sich gegenseitig bedingen. Wenn ein Volk rechts wählt, ist das Bedürfnis nach starken linken Kräften groß. Das geschieht automatisch und ummittelbar, vergleichbar vielleicht mit dem Kater nach einer durchzechten Sause und den anschließenden Selbstbekenntnissen zum abstinenten Lebensstil. Wilhelm Salber hat dies treffend als Instanzen von „Haupt-“ und „Nebenbild“ eingeordnet und erkannt, dass beide ein jedes „Erleben“ begleiten.
    Und doch ahnen wir, dass nach der Wahl eben nicht (wie) vor der Wahl ist. Trump reiht sich eventuell in die Riege von Autokraten ein und Blick in die Türkei oder Russland zeigt, welche Auswüchse dies langfristig annehmen kann. Das „Rettende“ lässt dort schon länger auf sich warten. An mangelndem Bedürfnis der Bevölkerung liegt es nicht, jedoch wird die Macht missbraucht, um derartige Strebungen bereits im Keim zu ersticken.
    Aber die Psyche kann nicht überwunden werden – nicht, solange wir Menschen sind. Es ist lediglich eine Frage der Zeit…

    Kleiner Fun-Fakt am Rande: Jetzt, kurz nach der Trump-Wahl, gab es eine psychologische Eruption des Nebenbildes: der Faktizismus meldet sich zurück. Die Meldung unscheinbar, der Zeitpunkt und die Deutung sind es nicht. Siehe
    http://www.vox.com/2016/11/18/13676834/ftc-homeopathy-crackdown-regulation

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  2. Mutti voran schreibt:

    @ Said
    Es geht doch hier nicht um Rings und Lechts, sondern um Faschismus oder Nicht-Faschismus. Faschismus kommt in verschiedenen Gewändern, das nennt sich mal Kommunismus (alla Stalin), oder nach 1789 in Frankreich war es auch nicht so gemütlich. Es sind jedoch immer „Heilsbringer“ mit einfachen, nationalistischen Botschaften. „Starke“ Männer mit prall gefüllten „Eiern“, immer bereit ihren Samen unter die Leute zu bringen. Am Ende IMMER auf Kosten des „kleinen Mannes“ (der interessanter Weise) auch IMMER derjenige war, der, ungebildet und dumm, diese „großen“ Führer an die Macht gebracht hat. „Wen diese Lehren nicht erfreuen, verdienet nicht ein Mensch zu sein!“ Also Birne ab, Polonium in den Tee, als Jude oder „Zigeuner“ deportiert werden, als Pressevertreter in den Knast gesteckt werden, USA „great again“, Deutsche zuerst, all das ist schon da gewesen! Geschichte wiederholt sich. Immer wieder. Alle WISSEN es, könnten es wissen, aber NEIN, es passiert immer wieder.
    EU bashing gehört zum guten Ton unter den Faschisten und Nationalisten, alla Orban, Putin, Trump, Wilders, Petri und wie sie alle heißen. Der kleine Mann versteht nichts.
    Die EU könnte als stärkste Wirtschaftsmacht der Welt die kommenden Jahrzehnte Hegemon und Vorreiter sein in Sachen Liberalität, Umwelt, Sicherheit, Kultur sein. Was passiert ist eine Dekonstruktion auf Kosten der Kleinstaatlichkeit. Mutti könnte das voranbringen, tut es aber nicht, weil sie keine politische Agenda hat, sogar vollkommen unpolitisch ist.
    Die EU ist nicht das Problem, die EU ist die Lösung.
    Faschisten raus! Aber wohin?

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