Ist Wähler-Beschimpfung politisch korrekt?

Nein. Wähler wegen ihres Votums zu kritisieren, ist eine Art Majestätsbeleidigung. Denn der Wähler (das Volk) ist bekanntlich der „Souverän“. So die geläufige Sprachregelung. Das Volk kann sich alle vier Jahre einen Führer wählen. Gegen den ist, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wenig Kraut gewachsen. Wenn das Volk aber merkt, daß der Führer ein Rattenfänger ist – darf es dann, seines eigenen Rattenstatus innewerdend, den Führer (König, Präsidenten etc) zum Teufel jagen, ehe die vier Jahre um sind? Maßgebliche Philosophen wie Thomas Hobbes und Kant sagen ganz eindeutig: Nein. Man stelle sich vor, enttäuschte Trump-Wähler wollten ihren Präsidenten, nachdem er das Establishment nicht nur gefestigt, sondern in reaktionärer Weise  gestärkt hätte, im Verein mit Hillary-Fans vom Acker jagen. Das bedeutete Bürgerkrieg. Die schlimmste aller Kriegs-Varianten. Sie würden also, die Menschen ohne Job und Stimme, die vergessenen Amerikaner in den Overflight-States  zwischen den Küsten, die von Trump den Heiland erwarteten, in einer selbstgebastelten Falle sitzen. Sie begriffen, daß sie ihr nun wachsendes Elend selbst gewählt haben. Sollte man sie irgendwie davon bewahren? Oder wäre das in einer für Europäer typischen zynischen Weise anmaßend?

Eine Woche nach dem Sieg der Gestrigen über das Washingtoner Establishment, des Trumpismus über den Clintonismus, fürchtet sich das verbliebene Establishment, die Liberalen, die Künstler, Hollywood, das Silicon Valley, die NEW YORK TIMES nicht nur vor Trump, sondern vor seiner BREITBART-Mannschaft, wo in der „Kloake der Altrechten“ (ein ehemaliger Breitbart-Mitarbeiter) Stephen Bannon nun den Präsidenten-Chefberater geben wird. Man fürchtet sich davor, daß ein Tsunami die USA wirklich durch die Zeiten zurückspült bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Wahl hat den bislang halbwegs funktionierenden Abfluß der Zeiten verstopft, und alle Fäkalien der vergangenen Jahrzehnte kommen wieder hoch. Die ganze Nation säße in ihrer eigenen Scheiße. Und wir in Europa mit ihr.

Ob der 8. November die Stunde Null war für eine neue, düstere Epoche, werden wir erst in ein paar Jahren wissen. Etwa ob das von Gorbatschow und der Perestroika eingeläutete Äon oder gar das von Descartes ins Leben gerufene zu Ende ging. Zufällig überlebende Historiker-Generationen könnten sich dann fragen, warum ein großer Teil der Menschheit im Zeitalter der Massen und der komplexen Gemengelagen so lange und fast religiös gläubig an einem Ideal festgehalten haben, das sie „Demokratie“ nannten. Gewiß, es garantierte ihnen individuelle Freiheiten in bisher unbekanntem Ausmaß, aber eben auch Freiheiten für die, die sich in der Freiheit nicht wohlfühlten. Diese kämpften aus nur oberflächlich grundverschiedenen Motiven für den IS oder für Trump. Sie wollten die Welt wieder so einfach haben, daß sie sie verstehen konnten. Damit begründeten sie den Untergang dieser Welt. Die Regeln der Demokratie, der Freiheit jedes Individuums als zugrundeliegendes Prinzip, ermöglichten ihnen das. Als sie die Mehrheit errungen hatten, war es zu Ende mit einer Freiheit, mit der die Mehrheiten noch nie viel anzufangen gewußt haben.

Demokratie scheint die den Homo sapiens am meisten überfordernde Form der Vergesellschaftung zu sein. Leute wie Putin und Orban, aber auch die Chinesen haben das verstanden. Die Annehmlichkeiten der Demokratie genießen können offenbar nur jene Minderheiten, die etwa im Trump-Wahlkampf als „Eliten“ beschimpft wurden. Diese „Eliten“ sollten sich jetzt hüten, jene zu beschimpfen, die die Freiräume kapitalistisch organisierter Gesellschaften (also nicht China, Rußland etc.)  als Ursachen ihres Unglücks, ihres Niedergangs verstehen könnten.

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